Gastbeitrag: Wie viel religiöse Toleranz muss eine freie Gesellschaft ertragen?
Wie viel religiöse Toleranz muss eine freie Gesellschaft ertragen?

Die sozialdemokratische Regierung Dänemarks prüft erneut ein landesweites Verbot des islamischen Gebetsrufs per Lautsprecher. Einwanderungsminister Morten Bødskov erklärte, der Gesang des Muezzins habe „keinen Platz in Dänemark“, niemand solle dort das Gefühl haben, „in einem Vorort von Islamabad“ unterwegs zu sein. Er und andere Regierungsmitglieder warnen vor einer „schleichenden Islamisierung“. In Deutschland ist der islamische Gebetsruf grundsätzlich erlaubt, jedoch nicht ohne Genehmigung. So müssen die muslimischen Gemeinden etwa sicherstellen, dass der Lärmschutz gewahrt ist. Im nordrhein-westfälischen Düren ertönt der Muezzinruf schon seit Jahrzehnten. Ob die dänische Regierung mit ihrem Vorstoß dieses Mal Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Zwei frühere Anläufe, 2020 und 2025, scheiterten.

Islam ist Toleranz? Zweifel eines Muslimen mit Wurzeln

Als jemand mit muslimischen Wurzeln, der viele Jahre in islamisch geprägten Ländern gelebt hat, würde ich sagen: Islam ist Toleranz? Ich habe da meine Zweifel. Die Frage ist wichtig. Denn daran schließt sich die Nächste an: Wie viel Toleranz kann man selbst erwarten? Diese Woche sah ich in einer Fußgängerzone eine Gruppe Männer an einem Infostand. Über ihnen hing ein Banner mit der Aufschrift: „Islam ist Frieden“. Ahmadiyya-Muslime, die in Pakistan verfolgt werden und denen dort sogar gesetzlich verboten ist, sich Muslime zu nennen. Menschen also, die aus eigener Erfahrung wissen, dass es unter Muslimen mitunter ziemlich unfriedlich zugeht. Vor dem Stand stritt eine Frau mit ihnen. Der Islam sei „frauenverachtend“, schimpfte sie. „Sie verhüllen Ihre Frauen und sperren sie weg! Warum sehe ich hier an Ihrem Stand keine einzige Frau?“ Einer der Männer entgegnete: „Islam ist Toleranz.“

Na, das wollen wir doch einmal überprüfen, dachte ich, und mischte mich ein. „Ach, wie schön“, sagte ich. „Dann akzeptieren Sie also, wenn Ihr Sohn sagt: ‚Übrigens, ich bin schwul. Darf ich euch meinen Freund Stefan vorstellen?‘ Oder wenn Ihre Tochter erklärt: ‚Ich habe einen Freund. Er heißt Michael. Heiraten wollen wir übrigens nicht. Ach ja, und freut euch: Ihr werdet Oma und Opa!‘ Sie akzeptieren auch, wenn Ihr Kind sagt: ‚Ich werde Christ. Das entspricht mir mehr.‘ Oder: ‚Ich habe mit Religion nichts am Hut. Ich glaube an gar nichts.‘ Das alles meinen Sie doch, wenn Sie von Toleranz sprechen. Wie schön.“ Die Männer sahen mich in einer Mischung aus Irritation und Verärgerung an. Dann wandten sie sich lieber wieder den vorbeigehenden Passanten zu und verteilten ihre Flugblätter. Mich, den Querulanten, ignorierten sie fortan.

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Religionsfreiheit vs. Lärmbelästigung: Ein persönlicher Drahtseilakt

Ich persönlich halte viel von Religionsfreiheit. Ich halte aber auch viel von meiner Ruhe. Wer seine Religion ausübt, muss mich damit nicht zwangsbeschallen oder anderweitig behelligen. „Dann müssen Sie ja wohl auch gegen Kirchenglocken sein!“, wird jetzt mancher einwenden. Als junger Erwachsener verbrachte ich viel Zeit in Bamberg, einer sehr katholischen Stadt. Ständig läuteten die Glocken. Frühmorgens, mittags, abends zur Andacht, zwischendurch auch noch. Man kann sagen: So ist das eben in einer katholischen Stadt. Man kann aber auch finden, dass Religionsausübung im 21. Jahrhundert, in einem weitgehend säkularen Land, so gestaltet sein sollte, dass sie anderen möglichst wenig auf die Nerven geht. Ich neige eher zu letzterer Auffassung. Dabei finde ich Glockengeläut durchaus schön. Und ich erinnere mich an einen Muezzin in Islamabad, dessen Gesang einen regelrecht überwältigte, so schön war er. Viele allerdings krächzen – dort wie anderswo –, treffen keinen Ton und pusten erst einmal ins Mikrofon oder klopfen dagegen, um zu prüfen, ob die billige Lautsprecheranlage überhaupt funktioniert.

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Berliner Aschura-Prozession: Kinder an Seilen und vollverschleierte Frauen

In Berlin wurde diese Woche eine schiitische Prozession gestoppt. Mehrere Kinder liefen mit Seilen aneinandergebunden mit, dazu vollverschleierte Frauen, die bei fast 40 Grad durch Berlin-Mitte zogen und beim Aschura-Marsch des Märtyrertods von Imam Hussein gedachten. Die Veranstaltung war ordnungsgemäß angemeldet. Zur Religionsfreiheit gehört eben auch, den Glauben öffentlich zu leben. Manche behaupteten anschließend, die Teilnehmer hätten IS-Flaggen getragen. Tatsächlich war darauf das islamische Glaubensbekenntnis zu sehen, das alle Muslime teilen. Schiiten würden niemals dem „Islamischen Staat“ huldigen, der den sunnitischen Extremismus verkörpert. Allerdings verehren nicht wenige Schiiten andere fragwürdige Helden. Etwa den iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei oder den 2024 getöteten Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Und warum müssen Kinder dabei überhaupt mitlaufen?

Ich musste an Aschura-Prozessionen in Pakistan und Indien denken, die ich als Reporter erlebt habe. Dort schlugen sich Teilnehmer mit Ketten, an denen Rasierklingen befestigt waren, den Rücken blutig. Je mehr Schmerz, je mehr Blut, desto größer die Frömmigkeit – so jedenfalls die Botschaft. Die blutigen Ketten wanderten von einem zum nächsten. Als ich einmal anmerkte, dass auf diese Weise Krankheiten übertragen werden könnten, wurde ich scharf zurechtgewiesen. Allah werde die Gläubigen schon beschützen. Immerhin blieb Berlin solche Szenen erspart. Verstörend war das Ganze trotzdem.

Grenzen der Toleranz: Lärmschutz, Kinder- und Jugendschutz

Religionsfreiheit gilt nicht grenzenlos. Es gibt andere Rechtsgüter: Lärmschutz etwa. Zeitliche Grenzen. Kinder- und Jugendschutz. Und bei aller Religionsfreiheit, bei aller Toleranz: Ich kann Menschen verstehen, die sagen: So möchten wir nicht leben. Was würden wohl die Menschen in Pakistan sagen, wenn dort plötzlich überall Kirchenglocken läuteten und an Ostern Prozessionen mit Kreuzigungsszenen durch die Straßen zögen? Eine Gesellschaft muss entscheiden, wie sie sein will. Sie darf auch Prioritäten setzen. Dem Grundsatz „When in Rome, do as the Romans do“ – wer irgendwo lebt, hält sich im Wesentlichen an die Regeln und Gepflogenheiten dort – kann ich einiges abgewinnen. Die Schweiz hat das auf ihre urdemokratische Weise vorgemacht. 2009 stimmte die Bevölkerung für ein Verbot neuer Minarette. Seitdem steht in Artikel 72 der Bundesverfassung ein bemerkenswert knapper Satz: „Der Bau von Minaretten ist verboten.“ Allen Bedenken hinsichtlich Religionsfreiheit und Gleichbehandlung zum Trotz.

Keine Diktatur der Mehrheit, aber ein ständiges Austarieren

Gleichzeitig wollen wir keine „Diktatur der Mehrheit“ und schätzen die offene Gesellschaft. Eine, die das Andere zulässt und ihm Raum gibt. Mit gegenseitigem Respekt wäre das durchaus möglich. Es bleibt ein ständiges Austarieren. Wie in Dänemark. Die große Moschee in Kopenhagen verzichtet freiwillig auf den Gebetsruf per Lautsprecher. Aus kleineren Moscheen sind vereinzelt leise Rufe zu hören. Beschwerden aus der Nachbarschaft? Bislang keine. Die musikalisch weniger Begabten erträgt man, über die talentierten freut man sich. Ganz wie in Islamabad.