ADHS erkennen: Symptome, Ursachen und Behandlung – Experten klären auf
ADHS erkennen: Symptome, Ursachen und Behandlung

Knapp vier Millionen Menschen in Deutschland sind von ADHS betroffen. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist eine hochkomplexe Entwicklungsstörung, deren genaue Ursache noch nicht vollständig geklärt ist. Drei Experten geben einen Überblick über Symptome, Diagnose und Behandlung.

Was ist ADHS und wie äußert es sich?

ADHS ist eine „zerebrale Entwicklungsstörung“, von der circa 3 bis 5 Prozent der Menschen in Deutschland betroffen sind. Dies entspricht bis zu vier Millionen Personen in allen Altersgruppen. Über die genaue Ursache sind sich Forscher bislang uneinig. Ein genetischer Zusammenhang ist höchstwahrscheinlich, und auch das Umfeld prägt die Ausprägung der Symptome – verursacht sie jedoch nicht. Die Hypothese, ADHS entstehe durch gravierende Fehler bei der Erziehung und sei Schuld der Eltern, ist wissenschaftlich widerlegt.

Das Gehirn verfügt über bestimmte Netzwerke, die für die sogenannten „Exekutivfunktionen“ zuständig sind. Bei Menschen mit ADHS entwickeln sich diese Netzwerke langsamer oder andersartig, was die Impulskontrolle und Konzentrationsfähigkeit beeinflusst. „Exekutivfunktionen sind Aufgaben, die der Mensch leisten muss, um zu entscheiden, ob er eine Tätigkeit beginnt, wie er sie ausführt und ob er sie zu Ende bringt“, erklärt Dr. Kirsten Stollhoff, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie und Sozialpsychiatrie sowie Vorstandsmitglied der deutschen Arbeitsgemeinschaft ADHS. „Man erkennt ADHS an einer Besonderheit, die sich durch das ganze Leben hindurchzieht“, meint Stollhoff. Betroffene hätten Probleme bei der Handlungsplanung und -durchführung. „Kinder mit ADHS haben große Schwierigkeiten, weil sie permanent andere Ideen haben. Sie fangen an, mit Seifenblasen zu spielen oder gucken aus dem Fenster. Die Mutter muss immer danebenstehen und jeden Handlungsschritt kontrollieren.“

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ADHS bei Mädchen: Oft ohne Hyperaktivität

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist jedoch nicht die einzige Form von ADHS. Auch Kinder, die keine oder kaum Hyperaktivität zeigen, können betroffen sein. Umgangssprachlich wird dann häufig von ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung ohne Hyperaktivität) gesprochen. Kinder mit ADS haben laut Stollhoff ebenfalls Probleme, sich auf eine Sache zu fokussieren und richtig zuzuhören, bleiben aber oft lange unauffällig. Erkannt werde die Störung typischerweise erst nach der Einschulung, da Informationen nicht richtig aufgenommen und gespeichert werden. „Sie kommen an ihre Grenzen, sind permanent überfordert und leiden an psychosomatischen Beschwerden, beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen.“ Gerade Mädchen seien besonders häufig von ADS betroffen, wodurch sie zwei bis drei Jahre später diagnostiziert würden als ihre männlichen Kameraden, die typischerweise an klassischem ADHS litten.

ADHS im Erwachsenenalter: Auffälligkeiten zeigen sich früh

Laut Prof. Dr. Thomas Ethofer, Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen und Leiter der Spezialsprechstunde ADHS im Erwachsenenalter, kommt es durchaus vor, dass ADHS bei Kindern und Jugendlichen unerkannt bleibt. „ADHS ist eine Diagnose, die sich typischerweise wie ein roter Faden durch das Leben zieht. Es sollten also schon im Kindes- und Jugendalter Symptome vorgelegen haben.“ Gerade in Grundschulzeugnissen seien in der Regel Auffälligkeiten zu finden. Dass diese übersehen werden, komme jedoch vor, meist aufgrund unzureichender Aufklärung der Eltern. Da viele Eltern von Kindern mit ADHS selbst betroffen sind, hielten sie entsprechende Auffälligkeiten für „normal“ und gingen dem nicht weiter nach. „Die Erziehung von Kindern mit ADHS ist eine enorme Herausforderung für die Eltern“, so Stollhoff. Sie müssten ihren Schützlingen immer wieder die gleichen Strukturen vermitteln und konsequent bleiben. „Wenn Eltern selbst betroffen sind, ist das sehr schwierig.“

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Ursachen und Folgen: Vererbung und Begleiterkrankungen

„ADHS ist keine monogene Vererbung, sondern ein polygenes Problem, das heißt, es wird durch eine ganze Kombination an Genen verursacht, sodass es nicht vorhersagbar ist“, erklärt Ethofer. „Nur weil die Eltern ADHS haben, müssen es die Kinder noch lange nicht haben.“ Umgekehrt könne es passieren, dass Kinder mit ADHS diagnostiziert werden, ihre Eltern jedoch nicht betroffen sind. Gerade für betroffene Eltern sei es wichtig, ihre erhöhte Impulsivität nicht über die Erziehung an das Kind weiterzugeben, so Ethofer. Zudem liege die Verantwortung vor, eine mögliche Weitergabe durch Vererbung abzuklären. „Je eher man Bescheid weiß, je eher auch die Kinder das wissen, desto besser kann man damit umgehen“, betont Prof. Dr. Renner, ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Tübingen. „ADHS ist keine reine Lern- und Leistungsstörung, sondern bringt oft auch soziale Schwierigkeiten mit sich. Und das ist etwas, das Kinder über längere Zeit prägen kann.“

ADHS ist mit einer erheblichen Komorbidität verbunden. Dazu gehören affektive Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder Sucht. In lediglich 20 Prozent der Fälle liege eine reine ADHS ohne andere Diagnosen vor, so Ethofer. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ADHS einen wesentlichen Einfluss auf das Leben der Patienten hat, was wiederum zu weiteren psychiatrischen Störungen führen kann.

Behandlung von ADHS: Mehrere Bausteine

„Eltern und das Umfeld müssen mehr Wissen über ADHS haben. Wenn sie verstehen, dass das keine Kinder sind, die bösartig sind, dass es nicht einfach eine fehlerhafte Erziehung ist, dass die Kinder nicht dumm oder faul sind, ist das der erste Schritt“, meint Stollhoff. Die Psychoedukation, also die Aufklärung über die Störung, sei die erste Maßnahme. Dann könne man das Umfeld optimieren, beispielsweise durch Nachteilsausgleiche in der Schule. Weiterhin seien verhaltenstherapeutische Maßnahmen wichtig – sowohl für betroffene Kinder als auch für nicht betroffene Eltern. Ein Coach könne Anregungen und Hilfestellungen bieten, so Stollhoff. „Was mache ich, wenn mein Kind einen Wutanfall bekommt? Wie deeskaliere ich bestimmte Situationen, damit wir uns nicht gegenseitig anschreien? Wie schaffe ich es, in einer Situation, in der mein Kind sichtlich überfordert ist, dass wir beide wieder auf den Boden herunterkommen?“

Der wirksamste Baustein ist laut Stollhoff jedoch die Behandlung mit Medikamenten, die in das neurobiologische Störungsfeld eingreifen, damit Betroffene sich wieder fokussieren, Reize besser filtern und priorisieren können. Ethofer stimmt zu: „Was evidenzbasiert wirklich einen Effekt hat, und ich spreche für Erwachsene mit ADHS, ist im Wesentlichen die Medikation.“ Diese sei in der Regel der letzte Schritt in der Behandlungskette, es sei denn, der Schweregrad der Störung setze eine Medikation voraus, damit Betroffene überhaupt in der Lage sind, einer Psychotherapie aufmerksam zu folgen.

Ist ADHS heilbar?

„Jain“, meint Prof. Ethofer und erklärt: „Als ich noch studiert habe, wurde ADHS als Kinder- und Jugendkrankheit definiert. Mit dem 18. Lebensjahr war man also definitionsgemäß gesund. Das ist nicht der Fall, aber die Symptome nehmen im Laufe der Zeit tendenziell ab.“ So seien etwa die Hälfte derjenigen, bei denen ADHS im Kindes- und Jugendalter diagnostiziert wurde, im Erwachsenenalter weitgehend symptomfrei. Allerdings spiele dabei der Behandlungserfolg eine Rolle. Langzeitstudien, die die Entwicklung von behandelter und unbehandelter ADHS vergleichen, seien schwer zu realisieren. Dennoch: „Den behandelten Patienten geht es typischerweise besser.“ Die Befürchtung, dass Stimulanzien zur medikamentösen Behandlung Suchterkrankungen auslösen, werde von Forschungsdaten nicht unterstützt. Ganz im Gegenteil: „Menschen mit unbehandelter ADHS haben ein deutlich höheres Risiko, eine Suchterkrankung zu entwickeln, als Menschen, die mit Stimulanzien behandelt wurden.“

Dennoch mangele es an Angeboten für überforderte Eltern, so Stollhoff. „Es ist ein Trauerspiel. Von ärztlicher Seite sind wir alle mit Wartezeiten von bis zu einem Jahr am Limit.“ Sie empfiehlt, regionale Angebote wie Informationsveranstaltungen und Selbsthilfegruppen zu besuchen. „Aber es sieht nicht sehr rosig aus, was Unterstützung betrifft.“