Alzheimer-Medikament Donanemab: Anhaltende Wirkung auch nach Absetzen
Das Medikament Donanemab kann bei frühen Formen einer Alzheimer-Erkrankung über einen Zeitraum von drei Jahren das Voranschreiten des geistigen Verfalls verzögern. Das zeigen Langzeitdaten aus der für die Zulassung durchgeführten Phase-3-Studie, die der Hersteller des Medikamentes, der Pharmakonzern Lilly, jetzt vorgestellt hat.
Nach diesen Daten nimmt der den Krankheitsverlauf verzögernde Effekt des Wirkstoffes über einen Zeitraum von drei Jahren sogar weiter zu – obwohl Patienten nach Entfernung der Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, spätestens aber nach 18 Monaten, auf ein wirkungsloses Scheinmedikament umgestellt wurden. Zudem seien über die drei Jahre keine neuen Sicherheitsrisiken infolge der Therapie mit Donanemab registriert worden, teilte der Hersteller mit.
Herstellerfirma und Bundesausschuss mit divergierenden Beurteilungen
Nach Ansicht des Unternehmens untermauern diese Daten den Therapieansatz, dass sich das Fortschreiten von früh erkanntem Alzheimer verzögern lässt, wenn man die Eiweißablagerungen im Gehirn – die sogenannten Amyloid-Plaques – medikamentös entfernt. Der nicht an der Studie beteiligte Berliner Experte Harald Prüß hält diese Ergebnisse für plausibel.
„Diese Daten waren zwar schon in der vor der Zulassung im Jahr 2025 veröffentlichten Studie enthalten, haben aber nicht die große Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient hätten. Denn das ist tatsächlich ein großer Erfolg“, sagte Prüß dem Tagesspiegel. Er leitet das Gedächtniszentrum des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Berlin und ist Direktor der Abteilung für Experimentelle Neurologie der Charité.
„Das sind eigentlich exzellente Argumente“
Prüß bezieht sich auf zwei Punkte in der neuen Veröffentlichung: das Anhalten der verzögernden Wirkung des Medikamentes auch, nachdem es abgesetzt wurde, sowie den Nachweis dieser Wirkung genau für die Bevölkerungsgruppe, für die das Medikament in der EU zugelassen wurde. „Das sind eigentlich exzellente Argumente gegen die zwei zentralen Kritikpunkte an dem Wirkstoff, die dazu geführt haben, dass in Deutschland der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) dem Medikament einen Zusatznutzen abgesprochen hat.“
Wie berichtet hatte jener „G-BA“, der über die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen entscheidet, einen Zusatznutzen des Medikamentes gegenüber den bisher üblichen Therapieverfahren im Frühstadium der Erkrankung verneint. Experte Prüß hält es für unwahrscheinlich, dass das Gremium nach den nun veröffentlichten Daten seine Bewertung ändern wird. Denn diese Ergebnisse seien in den für die Nutzenbewertung entscheidenden Materialien ja bereits enthalten gewesen.
Donanemab wirkt gegen Eiweißablagerungen im Gehirn
Das G-BA-Verfahren sieht zwar vor, dass ein Hersteller eine erneute Zusatznutzen-Bewertung beantragen kann. Doch muss das auf Basis neuer Erkenntnisse erfolgen, heißt es vom G-BA auf Anfrage. Dann könne – frühestens ein Jahr nach dem ersten Beschluss – ein neues Bewertungsverfahren beginnen, das dann mehrere Monate in Anspruch nehme.
Der fehlende Zusatznutzen ist für die Verschreibungsfähigkeit des bereits zugelassenen Medikamentes zunächst nicht relevant. Sondern für den Betrag, den die Krankenkassen für die entsprechende Therapie erstatten. Dies wiederum könnte zur Folge haben, dass das Medikament in Deutschland nicht erhältlich ist. Die jetzt erfolgte Pressemitteilung könne als ein Zeichen dafür verstanden werden, dass der Hersteller den deutschen Markt offensichtlich doch im Blick behalte, sagt Experte Prüß. „Es wird sehr spannend, wie die Preisverhandlungen ausgehen werden.“
Beseitigung der Ablagerungen behebt nicht die Langzeitschäden
Donanemab richtet sich wie andere Antikörperpräparate gegen die Protein-Ablagerungen im Gehirn, die für den kognitiven Verfall verantwortlich gemacht werden. Diese sogenannten Amyloid-Plaques behindern den Signal-Austausch zwischen den Neuronen. Die Wirkung des Medikamentes im Organismus sei sehr gut sichtbar, sagt Harald Prüß. In der Mehrzahl der Fälle seien die Ablagerungen nach 18 Monaten nicht mehr nachweisbar. Das erklärt auch die Frist, nach deren Ende die Teilnehmenden der Studie auf ein Placebo umgestellt wurden.
Doch dieser Effekt bedeute bedauerlicherweise nicht, dass damit Alzheimer geheilt wäre. Denn das Beseitigen der Ablagerungen behebe nicht die Langzeitschäden, die bereits im Vorfeld, während sich die Ablagerungen gebildet haben, im Gehirn entstanden seien, sagt der Neurologe. Dies erkläre, warum das Medikament nur eine verzögernde Wirkung auf den Krankheitsverlauf habe – über den nun überschaubaren Zeitraum von drei Jahren betrage die verzögernde Wirkung etwa sieben Monate, sagt Prüß. Und ebenso sei durch diese Tatsache erneut bestätigt, dass es für das Entstehen der Krankheit mehrere Ursachen gebe.
Kritik an der Amyloid-These
Vor diesem Hintergrund wird auch die Kritik der renommierten Cochrane-Collaboration, die regelmäßig Studien für medizinische Fragen zusammenfassend auswertet, an der Amyloid-These verständlicher. Cochrane hat mehrere Untersuchungen von Medikamenten analysiert, die sich gegen die Amyloid-Ablagerungen richten. Dabei kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass die verschiedenen Arzneien nur unzureichend wirken würden. Deshalb sei es notwendig, die Forschung zu Alzheimer auf andere mögliche Ursachen zu konzentrieren.
Prüß lässt diese Kritik nicht gelten. „Für diese Metastudie wurden Untersuchungen zusammengefasst, bei denen unwirksame, aber auch hochwirksame Medikamente zusammen betrachtet wurden. Das hat dazu geführt, dass die sich als wirksam erwiesenen Antikörper-Präparate Donanemab und Lecanemab im Durchschnitt fälschlicherweise wenig wirksam erscheinen.“



