Das Ebolavirus breitet sich in der Demokratischen Republik Kongo so schnell aus wie nie zuvor. In nur drei Monaten sind mehr als 1500 Menschen gestorben – die aktuelle Epidemie ist bereits der drittschwerste bekannte Ausbruch. Besonders alarmierend: Trotz Nachverfolgung von Kontaktpersonen ist bei den meisten Neupatienten unklar, wo sie sich angesteckt haben. Die Lage droht nach Einschätzung von Fachleuten zu eskalieren.
Rasante Ausbreitung und hohe Dunkelziffer
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte Mitte Mai den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Der erste nachgewiesene Ebola-Patient starb Ende April in der ostkongolesischen Grenzprovinz Ituri, wo schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen leben. Experten gehen davon aus, dass das Virus bereits seit Februar in der Region grassiert. Bislang wurden knapp 3400 Fälle im Labor bestätigt, doch die tatsächliche Zahl der Infizierten könnte nach WHO-Schätzungen zwei- bis viermal so hoch liegen. Mehr als 80 Prozent der Neuerkrankungen werden außerhalb der Kontaktlisten entdeckt – ein Zeichen dafür, dass sich das Virus weiterhin ungehindert ausbreitet, so die WHO.
Die Epidemie greift auch räumlich um sich. Mittlerweile gibt es Fälle in fünf Provinzen, darunter direkt an der belebten Grenze zum armen und instabilen Südsudan. Die wöchentlichen Neuerkrankungen steigen kontinuierlich an.
Hohe Todesrate und fehlende Impfstoffe
Nach Behördenangaben liegt die Todesrate bei etwa 44 Prozent – fast die Hälfte der nachweislich Erkrankten stirbt. Verantwortlich ist die Bundibugyo-Variante des Ebolavirus, gegen die es noch keine gezielten Impfstoffe oder Medikamente gibt. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichten, dass viele Erkrankte erst mit kritischen Symptomen in die Behandlungszentren kommen, wenn die Überlebenschancen gering sind. Zwei Drittel der Toten sterben nach WHO-Angaben in ihren Gemeinden, ohne jemals in einer Ebola-Einrichtung behandelt worden zu sein. Todesfälle in Familien sind besonders gefährlich, weil sich pflegende Angehörige leicht anstecken können.
Eindämmung scheitert an Misstrauen und Sicherheitslage
Die Bemühungen um Eindämmung stehen vor großen Herausforderungen. Laut WHO gibt es mittlerweile knapp 950 Betten in Isolations- und Behandlungszentren im Krisengebiet. Der Berliner Epidemiologe Maximilian Gertler, der für MSF mehrfach im Ebola-Einsatz war, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Angesichts der Dynamik der Epidemie und der sehr heterogenen Sicherheitslage vor Ort ist es sehr schwer, rechtzeitig ausreichend Kapazitäten unmittelbar dort zu haben, wo es am dringendsten ist.“
Mangelnde Aufklärung und Misstrauen zählen zu den größten Problemen. Die Menschen hätten Angst davor, Erkrankte in Behandlungszentren abzugeben, so Gertler. Vielen fehle das Vertrauen in das Gesundheitssystem sowie die Bildung, um Übertragungswege nachvollziehen zu können. Helfer werden immer wieder angegriffen.
Die Sicherheitslage im Osten des zentralafrikanischen Landes ist ein weiteres großes Hindernis. Hunderttausende Vertriebene leben teils seit Jahren in Behelfslagern mit schlechten sanitären Verhältnissen und kaum medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Malaria und Cholera, die oft ähnliche Symptome wie Ebola zeigen, sind verbreitet. Viele Menschen leiden Hunger und leben in ständiger Furcht vor Gewalt. Die Provinzen Nord- und Süd-Kivu werden teilweise von Rebellen kontrolliert. In Ituri greift die mit der Terrormiliz IS verbündete Rebellengruppe ADF Dörfer an. Laut der Konfliktdatenorganisation Acled wurden in diesem Jahr in den drei Provinzen mindestens etwa 1100 Zivilisten getötet.
Neue Impfstoffe und Medikamente in der Erprobung
Seit Kurzem wird ein Impfstoff der Universität Oxford gegen die Bundibugyo-Variante an Menschen getestet. Nach Angaben der Entwickler liegen bereits 620.000 Dosen bereit – allerdings dürfte es selbst im besten Fall noch Monate dauern, bis großflächig geimpft werden kann. Zudem werden zwei antivirale Medikamente getestet: ein Antikörpercocktail namens MBP134 und Remdesivir. Eine Studie mit dem Mittel Obeldesivir läuft, das Personen vor einer Ansteckung schützen soll, die engen Kontakt zu Infizierten hatten.
Die Nachverfolgung der Kontakte lag nach WHO-Angaben zuletzt bei 78 Prozent. Zur Eindämmung seien 95 Prozent nötig.
Düstere Aussichten
Ebola-Experte Gertler fordert weitere Isolierbetten, noch mehr Kontaktnachverfolgung und einen massiven Ausbau bei der Aufklärung der Bevölkerung. „Wenn das nicht in ausreichendem Maße geschieht, müssen wir gegenwärtig davon ausgehen, dass der Ausbruch sich noch sehr lange, mit Sicherheit im nächsten Jahr, fortsetzen wird und auch andere Länder in der Region erreicht werden können“, sagte er.
Craig Spencer, der 2014 in Guinea Ebola-Patienten behandelte und sich selbst infizierte, berichtete später über seine Erfahrungen und wie er dem Tod entkam.



