Hitze ist der stille Killer: Nicht die Temperatur selbst, sondern ihre physiologischen Folgen fordern Todesopfer. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass in diesem Jahr bereits 10.000 Menschen in Deutschland aufgrund der hohen Temperaturen gestorben sind – obwohl auf keinem Totenschein „Sommer“ steht. „Wir sterben nicht an der Hitze, sondern mit ihr“, erklärt Prof. Axel Schmermund, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe. Die Hitze sei der äußere Druck, der ein ohnehin geschwächtes Herz über seine Grenzen bringe.
Warum Hitze das Herz belastet
Der Körper kühlt sich durch Erweiterung der kleinen Hautgefäße, was den Gefäßwiderstand senkt und den Blutdruck absacken lässt. „Das Herz muss schneller und kräftiger schlagen, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten – es muss sich mehr anstrengen“, so Schmermund. Gleichzeitig führt Schwitzen zu Flüssigkeits- und Elektrolytverlust. „Alleine die Veränderung der Elektrolyte kann Probleme verursachen“, warnt der Kardiologe. Bei Flüssigkeitsmangel wird das Blut konzentrierter – „wir vertrocknen innerlich“. Schwächelt das Herz, staut sich Wasser im Körper. Beides trifft vor allem das Gehirn: „Die Leute sind verwirrt, funktionieren nicht mehr richtig.“
Die statistische Killergrenze
Forscher definieren die gefährlichsten Temperaturen als die heißesten 2,5 Prozent aller Jahreswerte. „Diese obersten zweieinhalb Prozent sind messbar ein Killer“, betont Schmermund. Die Effekte zeigen sich nach etwa sieben Tagen und werden nach zwei Wochen deutlich. Die Zahl der Tage über 30 Grad hat sich in Deutschland seit den 1990er-Jahren deutlich erhöht; die zehn heißesten Jahre liegen alle nach 1994. Verglichen mit heute wäre die Junihitze vor 50 Jahren rund 3,5 Grad kühler gewesen.
Alternde Bevölkerung verschärft das Problem
Unsere Sommer werden heißer, gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter. „Es ist ein Altersthema“, sagt Schmermund. Ältere Menschen mit Herzschwäche, Bluthochdruck oder wassertreibenden Medikamenten sind besonders betroffen – was im Winter hilft, kann bei Hitze gefährlich werden. „Patienten kommen mit Medikamenten an, die jahrelang gut funktioniert haben. Bei denen klappt das jetzt nicht mehr.“
Zukunft der Medizin: Sommer- und Wintermedikation
Der Kardiologe zieht einen Schluss: „Wahrscheinlich brauchen wir eine Wintermedikation und eine Sommermedikation.“ Eine spezifische Behandlung für die kalten Monate und eine für die heißen. Die Anpassung der Therapie an die Jahreszeiten könnte ein neues Kapitel in der Inneren Medizin werden – und Leben retten.



