Die USA erleben den schwersten Masern-Ausbruch seit 35 Jahren. Ärzte machen Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. mitverantwortlich, da er Impfzweifel schürt. In Spartanburg, South Carolina, dem Epizentrum der Krise, behandelt die Kinderarztpraxis Parkside Pediatrics Patienten auf dem Parkplatz, um ungeimpfte Säuglinge im Wartezimmer zu schützen. Rund 50 Erkrankte wurden dort seit Beginn des Ausbruchs versorgt. Kinderarzt Justin Moll warnt: „Das wird nicht die letzte durch Impfung vermeidbare Krankheit sein, die uns trifft.“
Rekordzahlen und betroffene Regionen
Bis Mitte Juli wurden landesweit rund 2300 bestätigte Masern-Infektionen registriert – mehr als im gesamten Vorjahr. South Carolina ist mit über 1000 Fällen am stärksten betroffen, gefolgt von Utah, Arizona, Texas, Virginia, Florida und Pennsylvania. Die Krankheit galt seit dem Jahr 2000 offiziell als eliminiert, nun breitet sie sich rasant aus.
Besonders betroffen sind junge Menschen: 70 Prozent der Infizierten sind höchstens 19 Jahre alt, jedes fünfte erkrankte Kind ist jünger als fünf. Zehn Prozent dieser Kleinkinder mussten stationär behandelt werden. 93 Prozent aller Infektionen entfielen auf Ungeimpfte.
Kritik an Gesundheitsminister Kennedy
Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., ein bekannter Impfgegner, steht im Zentrum der Kritik. Er hat über Jahre Zweifel an Impfstoffen verbreitet und die widerlegte Behauptung aufgegriffen, die Masern-Impfung könne Autismus verursachen. Der frühere CDC-Chef Richard Besser sagt: „Das Ergebnis sind Tausende Masern-Erkrankungen, wodurch noch viel mehr Kinder Gefahr laufen, schwer zu erkranken oder sogar zu sterben – an einer Krankheit, die sich durch Impfungen leicht verhindern lässt.“ Er fürchte, „solche Zahlen könnten unter Kennedy zur neuen Normalität werden“.
Kennedy weist jede Verantwortung von sich. Im Senat sagte er: „Ich habe nichts mit dem Masern-Ausbruch zu tun.“ In einem CNN-Interview attackierte er den Sender und wiederholte zugleich widerlegte Behauptungen über Impfstoffe und Autismus. Bemerkenswert: Einerseits empfahl er Eltern die MMR-Impfung, andererseits säte er erneut Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Impfverzicht als „medizinische Freiheit“
Der Präsident der amerikanischen Kinderärztevereinigung, Andrew Racine, wirft der Regierung vor, die Gefahr systematisch kleingeredet zu haben: „Seit Anfang 2025 haben führende Bundesvertreter Masern als harmlos und unvermeidbar dargestellt und irreführende Informationen über die MMR-Impfung verbreitet.“ Er spricht von einer „vermeidbaren Krise, die vor allem Kinder trifft“.
Experten betonen, dass Kennedy nicht allein verantwortlich ist. Die Impfquoten sanken bereits vor seiner Amtszeit – durch Corona-Folgen, wachsendes Behördenmisstrauen und eine Bewegung, die Impfverzicht als „medizinische Freiheit“ verkauft. Doch wer Fehlinformationen verbreite, trage Mitverantwortung, sagt Kinderarzt David Hill.
Impfquoten unter kritischer Grenze
Nur noch 92,5 Prozent der US-Kindergartenkinder sind gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Für einen stabilen Gemeinschaftsschutz wären mindestens 95 Prozent nötig. In 16 Bundesstaaten liegt die Quote unter 90 Prozent. Rund 286.000 Kindergartenkindern fehlt der Impfschutz. Da das Virus bis zu zwei Stunden in der Raumluft bleiben kann, werden solche Lücken schnell zur Einflugschneise.
Bundesreaktion und Vergleich mit Europa
Die Reaktion des Bundes bleibt widersprüchlich. Die CDC überwies South Carolina 1,4 Millionen Dollar, der Bundesstaat setzte etwa 90 Mitarbeiter ein und holte zwölf weitere Fachleute. Allerdings kam die Verstärkung nicht direkt von der CDC, sondern von deren unabhängiger Stiftung. Zuvor hatte der Bundesstaat rund 100 Millionen Dollar an Bundesmitteln verloren, darunter Geld für Impfprogramme und Labore.
Im Vergleich zu Europa wirkt die Entwicklung in den USA besonders auffällig. Auch Europa verzeichnete nach der Corona-Pandemie wieder mehr Masern-Erkrankungen: Innerhalb eines Jahres wurden rund 3600 Fälle in EU- und EWR-Staaten registriert, verteilt auf 30 Länder. Die höchsten Zahlen entfielen auf Bulgarien, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Großflächige, lang anhaltende Ausbrüche wie in mehreren US-Bundesstaaten bleiben jedoch die Ausnahme.



