Eine neue italienische Studie liefert Hinweise darauf, dass Mikro- und Nanoplastik das Risiko für Herzinfarkte erhöhen könnte. Bei rund 84 Prozent der untersuchten Herzinfarktpatienten wurden Kunststoffrückstände im Blut der Herzkranzgefäße nachgewiesen. Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal „European Heart Journal“, untersuchte 61 Personen mit Verdacht auf Herzkranzgefäßerkrankungen. 19 von ihnen hatten einen akuten Herzinfarkt erlitten, 20 litten an chronischer koronarer Herzkrankheit, und 22 zeigten keine Verengungen.
Mikroplastik bei Herzinfarktpatienten deutlich häufiger
Die Forscher fanden Mikro- oder Nanoplastik bei 84 Prozent der Herzinfarktpatienten, aber nur bei 40 Prozent der chronisch Kranken und 32 Prozent der Vergleichsgruppe. Auch die Konzentration und die Anzahl verschiedener Kunststoffarten waren in der Infarktgruppe am höchsten. Besonders häufig wurde Polyethylen nachgewiesen, das unter anderem für Lebensmittelverpackungen verwendet wird. „Mikro- und Nanoplastik findet sich praktisch überall in der Umwelt – in der Luft, im Wasser und in vielen Lebensmitteln“, erklärt Studienautor Pasquale Paolisso. Bislang sei kaum untersucht worden, ob solche Teilchen im Blut der Herzkranzgefäße vorkommen.
Raucher haben sechsfach höheres Risiko für Plastiknachweis
Die Studie zeigt einen starken Zusammenhang mit dem Rauchen: Raucher hatten eine knapp sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit für einen Plastiknachweis im Blut. Auch eine langfristig erhöhte Feinstaubbelastung ging häufiger mit Kunststoff im Blut einher. Bei allen Teilnehmenden, die rauchten und zugleich stärkerem Feinstaub ausgesetzt waren, fanden die Forscher Kunststoffbestandteile. Bei Menschen ohne diese Belastungen waren es nur 12,5 Prozent. Die Autoren vermuten, dass Tabakrauch und Luftverschmutzung die Schutzbarriere der Atemwege schwächen, sodass eingeatmete Plastikteilchen leichter aus der Lunge ins Blut gelangen.
Entzündungsreaktionen als mögliche Ursache
Die Herzinfarktpatienten wiesen zudem höhere Werte der Entzündungsbotenstoffe Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor alpha auf. Laut dem Team um Paolisso ist es wahrscheinlich, dass Mikroplastik die Blutgefäße schädigt und das Risiko für Herzkrankheiten erhöht. „Dies stützt einen möglichen Zusammenhang zwischen der Mikroplastikbelastung und einem lokal pro-entzündlichen Milieu bei Patienten mit obstruktiver koronarer Herzkrankheit“, so die Wissenschaftler.
Einschränkungen und Kritik
Studienleiter Emanuele Barbato betont: „Die Ergebnisse beweisen nicht, dass Mikroplastik Herzinfarkte verursacht.“ Die Untersuchung ist mit 61 Probanden zu klein für eindeutige Schlüsse. Der Toxikologe Ian Shaw von der University of Canterbury, der nicht an der Studie beteiligt war, weist darauf hin, dass ein nicht erfasster Faktor sowohl mit höheren Kunststoffwerten als auch mit Herzinfarkten zusammenhängen könnte. Zudem fehlen international einheitliche Standards für Probenentnahme und Messung. Andreas Daiber, Professor für Molekulare Kardiologie an der Universitätsmedizin Mainz, teilt dagegen die Schlussfolgerungen: „Obwohl erhebliche Unsicherheiten bleiben, deutet das Zusammenspiel epidemiologischer, klinischer und mechanistischer Belege darauf hin, dass die Mikroplastikbelastung einen bislang unterschätzten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten darstellen könnte.“
Ausblick
Die Ergebnisse verstärken den Verdacht, dass Mikro- und Nanoplastik Teil eines größeren Problems von Umweltbelastungen ist, zu dem auch Feinstaub und Tabakrauch gehören. Größere Langzeitstudien mit vereinheitlichten Messverfahren sollen nun klären, ob die Partikel tatsächlich das Erkrankungsrisiko erhöhen.



