Schwindel-Odyssee: Ursachen-Suche kann Jahre dauern
Schwindel-Odyssee: Ursachen-Suche dauert Jahre

Oktober 2023: Sonja Hölscher will mit ihrem Mann in den Kurzurlaub nach Frankreich. Doch daraus wird nichts. Einen Tag vor der Abreise wacht sie morgens mit dröhnendem Kopf und Tinnitusgeräuschen in den Ohren auf. „Mir war schlecht und fürchterlich schwindelig. Die Schmerzen im Hinterkopf waren unerträglich“, erzählt die zweifache Mutter aus dem niedersächsischen Wettringen. Sie beschreibt ihren Zustand dramatisch: „Mein Kopf platzte fast vor Schmerzen.“

Die Odyssee beginnt: Von Arzt zu Arzt

Was folgt, ist eine monatelange Reise durch das deutsche Gesundheitssystem. Hölscher sucht nacheinander mehrere Hausärzte, einen Neurologen, einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt und einen Orthopäden auf. Jeder stellt andere Diagnosen: von „gutartiger Lagerungsschwindel“ über „Morbus Menière“ bis hin zu „zervikogenem Schwindel“. Die Behandlungen – von Medikamenten über Physiotherapie bis zu manueller Therapie – helfen kaum. „Man fühlt sich alleingelassen und verzweifelt, weil niemand wirklich weiterweiß“, sagt Hölscher.

Schwindel: Ein häufiges Symptom mit vielen Gesichtern

Schwindel gehört zu den häufigsten Symptomen in der Medizin. Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie leiden etwa 15 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal im Jahr unter Schwindel. Die Ursachen reichen von harmlosen Störungen des Innenohrs wie dem gutartigen Lagerungsschwindel bis hin zu ernsten neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder einem Schlaganfall. „Die Herausforderung ist, dass Schwindel unspezifisch ist und viele Fachrichtungen betrifft“, erklärt Dr. Michael Strupp, Neurologe und Schwindelexperte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Die Rolle der Spezialambulanzen

Spezielle Schwindelambulanzen, wie sie etwa an Universitätskliniken existieren, können die Odyssee verkürzen. Dort arbeiten Neurologen, HNO-Ärzte und gegebenenfalls Orthopäden zusammen. „In einer guten Schwindelambulanz wird der Patient interdisziplinär untersucht, oft mit apparativer Diagnostik wie der Videookulographie“, sagt Strupp. Doch nicht alle Betroffenen haben Zugang zu solchen Einrichtungen. Hölscher fand schließlich nach mehreren Monaten eine Spezialambulanz in Münster, die ihre Symptome als „somatiformen Schwindel“ einordnete – eine psychosomatische Ursache.

Psychosomatik als letzte Diagnose

Die Diagnose somatoformer Schwindel bedeutet, dass körperliche Ursachen ausgeschlossen wurden und der Schwindel auf psychische Faktoren wie Stress oder Angst zurückgeführt wird. Für Hölscher war das zunächst schwer zu akzeptieren: „Ich dachte, das kann nicht sein, ich hatte doch richtige körperliche Symptome.“ Erst eine begleitende Psychotherapie half ihr, die Zusammenhänge zu verstehen. Heute geht es ihr besser, aber ganz verschwunden ist der Schwindel nicht. „Ich habe gelernt, damit zu leben und die Auslöser zu erkennen“, sagt sie.

Was Betroffene tun können

Experten raten, bei anhaltendem Schwindel frühzeitig eine spezialisierte Ambulanz aufzusuchen. Wichtig sei auch, alle bisherigen Befunde zu sammeln und eine detaillierte Symptombeschreibung zu führen. „Je genauer die Beschreibung, desto zielgerichteter kann die Diagnostik sein“, so Strupp. Zudem sollten Patienten nicht zögern, eine zweite Meinung einzuholen. Die Odyssee von Sonja Hölscher dauerte insgesamt acht Monate – eine Zeit, die sie als extrem belastend empfand. „Man muss stark sein, um nicht aufzugeben“, resümiert sie.

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