Berlin. Wenn im Sommer im Büro jeder zweite Kollege hustet und schnieft, ist schnell die Klimaanlage als Übeltäter ausgemacht. Doch ist diese Annahme richtig? Professor Dennis Nowak, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sieht das differenzierter. Er verweist auf das sogenannte „Sick-Building-Syndrom“ – ein Phänomen, bei dem Menschen in klimatisierten Gebäuden überdurchschnittlich häufig über gesundheitliche Beschwerden klagen.
Was ist das Sick-Building-Syndrom?
Das Sick-Building-Syndrom beschreibt ein Bündel von Symptomen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Reizungen der Augen und der Atemwege, die in bestimmten Gebäuden gehäuft auftreten. Studien zeigen, dass die Beschwerden in Räumen mit Klimaanlage signifikant häufiger vorkommen als in natürlich belüfteten Räumen. Professor Nowak betont: „Es handelt sich um ein reales Problem, das nicht auf Einbildung beruht.“ Die Ursachen sind vielfältig: schlecht gewartete Klimaanlagen können Schimmelpilze, Bakterien und Viren verbreiten. Zudem entzieht die gekühlte Luft der Raumluft Feuchtigkeit, was die Schleimhäute austrocknet und anfälliger für Infektionen macht.
Typische Beschwerden durch Klimaanlagen
Die häufigsten Symptome, die mit dem Sick-Building-Syndrom in Verbindung gebracht werden, sind Husten, Halskratzen, verstopfte Nase, trockene Augen und Kopfschmerzen. Viele Betroffene fühlen sich müde und abgeschlagen. Professor Nowak erklärt: „Die niedrige Luftfeuchtigkeit und die kühle Luft reizen die Atemwege. Zudem können Klimaanlagen Keime aus dem Filter oder aus dem Kühlwasser in den Raum blasen.“ Besonders problematisch sind zentrale Klimaanlagen, die mehrere Räume versorgen. Wird die Anlage nicht regelmäßig gereinigt, kann sie zur Keimschleuder werden.
Mythos oder Realität: Macht die Klimaanlage krank?
Die Frage, ob Klimaanlagen direkt krank machen, ist nicht pauschal zu beantworten. Fakt ist: In Gebäuden mit schlecht gewarteten Klimaanlagen treten mehr Erkrankungen auf. Professor Nowak sagt: „Klimaanlagen selbst sind nicht krankmachend, aber eine mangelhafte Wartung und falsche Einstellungen können gesundheitliche Probleme begünstigen.“ So sollte die Temperaturdifferenz zwischen Innen- und Außenraum nicht mehr als sechs Grad betragen, um den Kreislauf nicht zu stark zu belasten. Auch Zugluft sollte vermieden werden, da sie Verspannungen und Erkältungen fördern kann.
Praktische Tipps im Umgang mit Klimaanlagen
Professor Nowak empfiehlt, regelmäßig die Filter der Klimaanlage zu wechseln und die Anlage einmal jährlich professionell warten zu lassen. Zudem sollten Arbeitsplätze nicht direkt unter der Klimaanlage eingerichtet sein. „Wer sich gegen Zugluft schützen will, kann einen Luftleitblech oder einen Schal verwenden“, rät der Mediziner. Auch eine ausreichende Luftfeuchtigkeit ist wichtig: Idealerweise liegt sie zwischen 40 und 60 Prozent. In trockenen Räumen helfen Luftbefeuchter oder Zimmerpflanzen. Trinken Sie zudem ausreichend Wasser, um die Schleimhäute feucht zu halten.
Fazit: Klimaanlage richtig nutzen
Das Sick-Building-Syndrom ist kein Mythos, sondern ein ernstzunehmendes Phänomen. Mit einer guten Wartung der Klimaanlage, der richtigen Temperatureinstellung und einigen Verhaltensregeln lassen sich die Beschwerden jedoch deutlich reduzieren. Wer trotzdem unter Symptomen leidet, sollte seinen Arbeitsplatz überprüfen lassen – und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen, um andere Ursachen auszuschließen.



