Stillen auf dem Vormarsch: WHO meldet neue Höchstwerte
Stillen auf dem Vormarsch: WHO meldet neue Höchstwerte

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnet weltweit einen deutlichen Anstieg der Stillraten. Im Jahr 2021 wurden laut der UN-Organisation 48 Prozent aller Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt – ein neuer Spitzenwert seit Beginn der Aufzeichnungen. Bis zum Jahr 2030 soll diese Quote sogar auf 70 Prozent steigen, wie es im Aktionsplan zur Förderung der Stilltätigkeit heißt.

Stillen: Die erste Impfung eines Kindes

Die Vorteile des Stillens sind durch unzählige Studien belegt. WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte bereits mehrfach: „Muttermilch ist die erste Impfung eines Kindes.“ Muttermilch enthält wichtige Antikörper, die Neugeborene vor Infektionskrankheiten schützen. Fachleute weisen auch auf langfristige positive Effekte hin: Gestillte Kinder haben ein geringeres Risiko für Übergewicht, Diabetes und Allergien. Auch die Mütter profitieren – etwa durch ein reduziertes Brust- und Eierstockkrebsrisiko.

Schätzungen der WHO zufolge könnten durch optimales Stillen – also exklusives Stillen in den ersten sechs Monaten und Fortsetzung bis zum zweiten Lebensjahr – jährlich mehr als 820.000 Kinderleben weltweit gerettet werden. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen ist das gesundheitliche Potenzial des Stillens längst nicht ausgeschöpft.

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Weltweite Zunahme, aber große Unterschiede

Die beobachtete Steigerung der globalen Stillrate von 38 Prozent im Jahr 2012 auf 48 Prozent im Jahr 2021 ist ein Fortschritt, an dem insbesondere Länder wie Indien, Vietnam und Äthiopien stark beteiligt waren. Diese Länder haben in den letzten Jahren umfassende Stillförderprogramme eingeführt, etwa bezahlte Stillpausen am Arbeitsplatz oder die Einrichtung sogenannter Babyfreundlicher Kliniken.

Dennoch bleibt die Verteilung ungleich. Während Länder in Südostasien und Afrika südlich der Sahara bereits Quoten von über 60 Prozent erreichen, hinken Industrienationen hinterher. In Deutschland etwa liegt die Quote exklusiv gestillter Säuglinge im Alter von vier Monaten bei lediglich rund 40 Prozent, obwohl über 90 Prozent der Mütter nach der Geburt zunächst mit dem Stillen beginnen. Viele stoppen jedoch frühzeitig – häufig aus mangelnder Unterstützung oder weil sie in den Berufsalltag zurückkehren müssen.

Gründe für den Stillabbruch: Der Druck im Alltag

Stillen wird oft als selbstverständlich angesehen, doch die Realität vieler Familien sieht anders aus. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten am Arbeitsplatz, unzureichende Stillpausen und mangelnde Akzeptanz der Umgebung sind häufige Gründe, warum Mütter früher als gewünscht abstillen. Auch die Werbung für Muttermilchersatzprodukte mit oft übertriebenen Versprechungen trägt laut WHO dazu bei, dass weltweit zu wenig gestillt wird.

Die im Jahr 1981 von der WHO verabschiedete internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten soll genau dem entgegenwirken. Er untersagt jegliche Werbung für Babymilchpulver und Flaschennahrung. Allerdings, so kritisieren Expertinnen und Experten, wird dieser Kodex in vielen Ländern nur unzureichend umgesetzt – auch in Deutschland gibt es Ausnahmen und Grauzonen.

Die Weltstillwoche 2025: Unterstützung für alle

Um diesen Missständen entgegenzuwirken, findet jedes Jahr in der ersten Augustwoche die Weltstillwoche statt. Sie wird von der World Alliance for Breastfeeding Action (WABA) und der WHO organisiert. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto: „Stillen verbindet – Unterstützung für alle“. Damit soll für einen besseren Zugang zu Stillberatung und Stillraum-Netzwerken geworben werden. Krankenkassen und Initiativen nutzen die Woche für Aufklärungskampagnen und offene Seminare.

Stillförderung ist dabei keinesfalls allein eine individuelle Aufgabe. „Es braucht politische Rahmenbedingungen, damit Stillen für alle Mütter selbstverständlich möglich ist“, sagt Dr. Julia Schneider, Stillbeauftragte des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie fordert unter anderem flexiblere Arbeitszeiten und die Einrichtung weiterer Stillbereiche in öffentlichen Einrichtungen. Auch ein bundesweiter Stillmonitor werde benötigt, um Daten lückenlos zu erfassen.

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Was Deutschland tun kann

In Deutschland gibt es bereits gute Ansätze: Seit 1993 vergibt die Initiative Babyfreundlich Zertifikate an Kliniken, die die Stillförderung besonders ernst nehmen. Auch gesetzlich geschützte Stillzeiten sind verbrieft: Nach dem Mutterschutzgesetz dürfen Mütter zum Stillen bezahlt freigestellt werden. Doch in der Praxis kommt dieses Recht, so die Beauftragte Schneider, immer noch zu selten an – viele Mütter scheuten sich, dieses einzufordern.

Um die Lücke zur 70-Prozent-Zielmarke zu schließen, wäre in Deutschland ein kultureller Wandel nötig, meinen Fachleute. Stillen müsse als gesellschaftliche Normalität anerkannt werden – ebenso wie ein offener Umgang mit den Bedürfnissen von Familien. Schließlich, so die WHO, investiere man mit Stillförderung in die Gesundheit kommender Generationen. Eine Investition, die sich rechnet: Noch immer sei Stillen das effektivste und kostengünstigste Instrument zur Senkung der Säuglingssterblichkeit weltweit. Je mehr Mütter langfristig Unterstützung erfahren, desto näher rücke das große Ziel von 70 Prozent. Die Weltstillwoche erinnert daran, dass jede und jeder einen Beitrag dazu leisten kann – von der Aneignung des eigenen Stillwissens bis zum freundlichen Hinweis an die Vorgesetzte, dass Stillpausen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind.