Der Anteil der Mütter, die ihre Babys stillen, legt weltweit zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündet zum Auftakt der Weltstillwoche einen deutlichen Anstieg der Quote: Waren es 2012 noch rund 37 Prozent der Kinder unter sechs Monaten, die ausschließlich Muttermilch erhielten, sind es heute mehr als 47 Prozent. Das entspricht einem Zuwachs von zehn Prozentpunkten innerhalb von gut zehn Jahren.
Stillen schützt Kind und Mutter
Stillen ist laut WHO eine der einfachsten und wirksamsten Maßnahmen, um die Gesundheit von Kindern und Müttern zu schützen. Muttermilch versorgt Säuglinge mit allen lebenswichtigen Nährstoffen, stärkt das Immunsystem, schützt vor schweren Erkrankungen und fördert die kognitive Entwicklung. Bei den Müttern sinke das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie Typ-2-Diabetes, so die UN-Organisation.
Die gesundheitlichen Effekte sind erheblich: Durch eine verbesserte Förderung des Stillens könnten jährlich fast 400.000 Todesfälle bei Kindern und rund 140.000 Todesfälle bei Müttern verhindert werden, rechnet die WHO vor. Es gehe dabei nicht um eine rein emotionale Debatte, sondern um nachweisbare medizinische Fakten.
Empfehlungen für die ersten beiden Lebensjahre
Die WHO empfiehlt, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen – nicht einmal Wasser ist laut den Expertinnen und Experten in dieser Zeit notwendig. Ab dem siebten Monat kann Beikost eingeführt werden, während das Stillen bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus fortgesetzt werden sollte. In Deutschland sieht die Leitlinie eine Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder von mindestens zwölf Monaten vor. Damit liegen die nationalen und internationalen Empfehlungen nahe beieinander.
Deutschland: Aufwärtstrend, aber Ziel nicht erreicht
In der Bundesrepublik steigt die Stillbereitschaft seit den 1970er-Jahren wieder an. Die letzte repräsentative Erhebung, die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS), wurde zwischen 2014 und 2017 durchgeführt. Demnach wurden nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge voll gestillt. Bis zum Ende des vierten Lebensmonats erhielten jedoch nur noch 40 Prozent ausschließlich Muttermilch. Die Lücke zwischen Beginn und viertem Monat zeigt, wo viele Stillbeziehungen scheitern.
Römische Studie: Drei Irrtümer sabotieren den Stillerfolg
Warum gelingt das Stillen so oft nicht? Eine Analyse der Sapienza-Universität Rom hat 78 Studien aus Ländern wie den USA, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko ausgewertet. Das Team um Erstautorin Maria Di Chiara, Spezialistin für Neonatologie, veröffentlichte die Ergebnisse im Fachjournal „Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine“. Die zentrale Botschaft: Drei weit verbreitete Annahmen, die sogar in Krankenhäusern weitergegeben werden, erschweren das Stillen erheblich.
Irrtum 1: „Ich habe zu wenig Milch“
Die Sorge, in den ersten Tagen nicht genug Milch zu haben, ist nach Angaben der Studie einer der häufigsten Gründe für frühzeitiges Zufüttern. Dabei reicht das Kolostrum, die erste hochkonzentrierte Milch nach der Geburt, in der Regel aus, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken. „Unsere Untersuchung legt nahe, dass Kolostrum in der Regel ausreicht“, betont Di Chiara. Auch die Nationale Stillkommission in Deutschland argumentiert ähnlich. Statt sofort künstliche Säuglingsnahrung zu geben, sollten Mütter in den ersten Tagen Geduld haben und sich professionelle Hilfe holen.
Irrtum 2: Schnuller verkürzen die Stillzeit
Viele Eltern werden von Hebammen und Ärzten gewarnt, dass Schnuller in den ersten Lebenswochen eine „Saugirritation“ auslösen und die Stilldauer verkürzen könnten. Der Deutsche Hebammenverband empfiehlt bislang, erst nach vier bis sechs Wochen einen Schnuller anzubieten. Die aktuelle Studienlage widerlege dies jedoch: „Die Verwendung eines Schnullers verkürzt weder die Stilldauer noch das ausschließliche Stillen“, sagt Di Chiara. Ein Schnuller sei in den ersten Wochen kein Muss, aber durchaus ein Kann – Eltern müssen ihn nicht ängstlich vermeiden.
Irrtum 3: Milchpumpen regen die Produktion an
Nicht jedes technische Hilfsmittel ist sinnvoll: Di Chiara warnt davor, schon im Wochenbett routinemäßig elektrische Milchpumpen einzusetzen, um die Milchbildung anzuregen. Wenn abgepumpt werden müsse, sei das Ausstreichen von Hand effektiver und sanfter. Diese Erkenntnis stammt ebenfalls aus der Auswertung der 78 Studien.
Fazit: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
„Was mir am meisten aufgefallen ist, war, wie oft gut gemeinte, routinemäßige Ratschläge noch gar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren“, resümiert die Medizinerin. Die Autoren fordern daher, Stillempfehlungen in Kliniken und Praxen kritisch zu hinterfragen und auf eine evidenzbasierte Grundlage zu stellen. Gerade in der Geburtshilfe könne so der entscheidende Beitrag geleistet werden, um die Stillquoten nachhaltig zu steigern und die Gesundheit von Mutter und Kind langfristig zu verbessern. Der Originalbericht stammt von der dpa.



