Cannabis-Wirkstoff THC lindert Alpträume bei PTBS-Studie
THC lindert Alpträume bei PTBS-Studie

Eine aktuelle Studie der Berliner Charité zeigt: Der Cannabis-Wirkstoff THC kann Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) zu besserem Schlaf verhelfen. Bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer, die THC erhielten, zeigte die Behandlung Wirkung, bei über einem Drittel verschwanden die Alpträume während des Studienzeitraums sogar vollständig. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht.

Studiendesign und Ergebnisse

Die Untersuchung wurde an der Berliner Charité initiiert und federführend durchgeführt. Stefan Röpke, der an der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Traumafolgestörungen erforscht, nutzte zusammen mit seinem Team und Partnern den zentralen Wirkstoff der Hanfpflanze, Tetrahydrocannabinol (THC). An der Studie nahmen 171 Teilnehmer teil.

Die Hälfte der Teilnehmer erhielt zehn Wochen lang täglich 2,5 bis 15 Milligramm Dronabinol, ein direkt aus der Hanfpflanze gewonnenes THC in Tropfenform, individuell dosiert je nach Wirkung. Die andere Hälfte erhielt ein optisch identisches, ebenfalls nach Cannabis schmeckendes Placebo. Weder die Behandler noch die Teilnehmer wussten, wer welches Präparat einnahm.

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Deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen

Die Auswertung zeigte einen deutlichen Unterschied: In der Dronabinol-Gruppe sank die Albtraumlast auf einer achtstufigen Skala im Schnitt um 3,7 Punkte, in der Placebogruppe lediglich um 2,2 Punkte. „Insgesamt nahmen rund fünf von sechs Patientinnen und Patienten in der Dronabinol-Gruppe ihren Gesundheitszustand subjektiv als deutlich verbessert wahr“, sagt Röpke.

THC ist nicht nur berauschend, sondern den Forschenden zufolge im Körper auch für die Regulation von Schlaf, Stress und die Verarbeitung von emotionalen Erinnerungen mit zuständig. „Es gibt Hinweise darauf, dass THC im REM-Schlaf, den intensiven Traumphasen, in denen das Gehirn Erlebnisse verarbeitet und Emotionen reguliert, die Traumaktivität abschwächt und damit nächtliche Stressreaktionen mildert“, erklärt Röpke.

Hintergrund: PTBS und Schlafprobleme

Nach traumatischen Erfahrungen wie Gewalttaten, sexuellen Übergriffen oder Kriegserfahrungen können Menschen eine PTBS entwickeln. Die Erkrankung zwingt Betroffene dazu, das Erlebte im Schlaf immer wieder zu durchleben – so eindringlich, als geschehe es erneut. Traumatische Erinnerungen werden auf eine Weise gespeichert, die dem Betroffenen keine bewusste Kontrolle darüber lässt – sie brechen ungefiltert hervor, tagsüber wie nachts. Im Schlaf mündet das in intensive Alpträume, aus denen Betroffene häufig in Panik erwachen.

Bei der Behandlung einer PTBS kommen laut der Charité bislang vor allem Antidepressiva und Blutdruckmittel zum Einsatz, die jedoch nur begrenzt wirksam sind und speziell gegen die Alpträume kaum helfen. Ein spezifisch zugelassenes Medikament für traumabedingte Alpträume fehlt in Deutschland bis heute.

Selbstmedikation als Ausgangspunkt

Die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben, dass viele Patientinnen und Patienten mit PTBS schon länger Cannabis konsumieren, als Selbstmedikation. Dadurch könnten sie eigenen Angaben zufolge Angstgefühle verringern, sich entspannen und den Schlaf verbessern. Dieser oft schon seit Jahrzehnten durchgeführte Privatkonsum brachte die Forschung auf die Idee, die Cannabis-Wirkstoffe systematisch zu untersuchen.

Unabhängige Einschätzung

Kirsten Müller-Vahl, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover, die an der Studie nicht beteiligt war, hält diese für „gut angelegt“. Löblich sei auch, dass das Studiendesign bereits zuvor publiziert wurde, und dass die Charité die Untersuchung selbst bezahlt habe, also keine Gelder aus der Pharmaindustrie dafür nahm. Wichtig sei außerdem, dass man auf theoretischer Ebene gut erklären könne, wieso eine Therapie mit THC sinnvoll sein könne, führt Müller-Vahl weiter aus. Denn auch im Körper gebe es ein endogenes Cannabinoid-System, das unter anderem bei Angstauslöschung und bei Schlaf eine Rolle spiele.

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Nebenwirkungen und Langzeitperspektive

Schwerwiegende Nebenwirkungen traten während der Studie nicht auf. Leichtere bis mittelschwere Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Appetitsteigerung wurden hingegen häufiger registriert. Entzugserscheinungen nach dem Absetzen des Präparats konnten die Forschenden nicht feststellen.

Nun wollen die Forschenden herausfinden, ob die Cannabis-Tropfen auch langfristig eingenommen werden können. Möglich sei, dass sich auf Dauer ein Gewöhnungseffekt einstellt und die Wirksamkeit nachlässt. Weitere Studien könnten sich auch damit beschäftigen, ob die Tropfen denjenigen Menschen helfen, die aus anderen Gründen häufig Alpträume haben, erklärte Röpke.