Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat anlässlich der Weltstillwoche neue Zahlen veröffentlicht: Zwischen 2012 und heute stieg der Anteil der Babys, die in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt werden, von rund 37 auf über 47 Prozent. Die Aktionswoche findet vom 1. bis 7. August statt und soll das Stillen weltweit weiter fördern.
Stillen schützt Kind und Mutter
Muttermilch gilt als eine der einfachsten und wirksamsten Maßnahmen, um die Gesundheit von Kindern zu schützen. Sie versorgt Säuglinge mit lebenswichtigen Nährstoffen, stärkt das Immunsystem, beugt schweren Erkrankungen vor und unterstützt die kognitive Entwicklung. Auch für Mütter ist Stillen gesund: Das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie für Typ-2-Diabetes sinkt. Nach Schätzungen der WHO ließen sich durch verstärkte Stillförderung jährlich fast 400.000 Todesfälle bei Kindern und rund 140.000 Todesfälle bei Müttern verhindern.
WHO-Empfehlung und deutsche Leitlinie im Vergleich
Die WHO rät, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen – nicht einmal Wasser oder Tee sollten zusätzlich gegeben werden. Erst danach kann Beikost eingeführt werden; gestillt werden soll mindestens bis zum zweiten Lebensjahr oder darüber hinaus. Die deutsche Leitlinie formuliert eine etwas kürzere Zielmarke: „Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens zwölf Monate betragen.“ Als reifgeboren gelten alle Babys, die nicht zu früh geboren wurden.
Drei Irrtümer, die den Stillerfolg gefährden
Viele Länder bleiben trotz Fortschritten hinter den Stillzielen zurück. Eine neue Studie der Sapienza-Universität Rom hat untersucht, welche einfachen Hilfen die Stillraten erhöhen könnten. Die Autorinnen und Autoren werteten dafür 78 Studien aus, unter anderem aus den USA, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko. Ihr Ergebnis: Drei weit verbreitete Annahmen – die oft auch auf Entbindungsstationen weitergegeben werden – beeinträchtigen den Stillerfolg.
- Zu wenig Milch: Viele Mütter sind überzeugt, in den ersten Tagen nicht genug Milch zu produzieren, und füttern vorschnell Säuglingsnahrung zu. Die Studie widerspricht: „Unsere Untersuchung legt nahe, dass Kolostrum – die erste, hochkonzentrierte Milch nach der Geburt – in der Regel ausreicht, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken“, sagt Erstautorin Maria Di Chiara, Spezialistin für Neonatologie. Auch die Nationale Stillkommission in Deutschland bewertet das so.
- Schnuller: Häufig wird geraten, in den ersten Lebenswochen auf Schnuller zu verzichten. Laut Di Chiara zeigt die Studienlage jedoch: „Die Verwendung eines Schnullers verkürzt weder die Stilldauer noch das ausschließliche Stillen.“ Der Deutsche Hebammenverband empfiehlt weiterhin, erst nach vier bis sechs Wochen einen Schnuller in Betracht zu ziehen, da es sonst zu einer „Saugirritation“ kommen könne.
- Milchpumpe: Elektrische Milchpumpen werden im Wochenbett oft eingesetzt, um die Milchbildung anzuregen. In den ersten Tagen nach der Geburt sollten sie jedoch nicht routinemäßig verwendet werden, so Di Chiara. Falls abgepumpt werden müsse, sei das Abpumpen von Hand die bessere Methode.
Besonders bemerkenswert an der Auswertung ist für die Studienautorin, wie viele Ratschläge der Routine keiner wissenschaftlichen Grundlage haben: „Was mir am meisten aufgefallen ist, war, wie oft gut gemeinte, routinemäßige Ratschläge noch gar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Kleine Veränderungen in diesen ersten drei Tagen könnten für Familien einen echten Unterschied machen.“
Deutschland: Stillraten seit Jahrzehnten im Aufschwung
Die neuen internationalen Daten passen zu einem längerfristigen Trend in Deutschland. Nach einem historischen Tiefstand in den frühen 1970er Jahren steigt die Stillquote hierzulande stetig. Die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS Welle 2, 2014-2017) ergab, dass nach der Geburt 68 Prozent der Säuglinge ausschließlich gestillt wurden. Bis zum Ende des vierten Lebensmonats erhielten noch 40 Prozent der Babys ausschließlich Muttermilch.
Die WHO-Daten zeigen, dass der weltweite Anstieg des Stillens ermutigend ist – gleichzeitig bleibt Aufklärungsarbeit wichtig, um Mythen zu entkräften und Familien evidenzbasierte Unterstützung zu bieten.



