In Deutschland werden derzeit rund 150.000 Menschen per Haftbefehl gesucht. Das berichtet der SPIEGEL unter Berufung auf Sicherheitskreise. Unter den Gesuchten befinden sich fast 100 sogenannte Gefährder, also Personen, denen schwerste Gewalttaten bis hin zu terroristischen Anschlägen zugetraut werden. Die Grünen warnen vor einem erheblichen Sicherheitsrisiko.
Zehntausende Straftäter trotz Haftbefehl auf freiem Fuß
Die Zahl der offenen Haftbefehle ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Nach Angaben des Bundesjustizministeriums waren Ende 2025 insgesamt 147.823 Haftbefehle nicht vollstreckt. Davon entfallen rund 60.000 auf Straftäter, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Die übrigen betreffen Beschuldigte, gegen die ein Haftbefehl wegen Fluchtgefahr oder Verdunkelungsgefahr erlassen wurde.
Besonders brisant: Unter den Gesuchten sind rund 90 Personen, die von den Sicherheitsbehörden als Gefährder eingestuft werden. Das sind Menschen, bei denen die Polizei davon ausgeht, dass sie politisch motivierte Gewalttaten verüben könnten. Die meisten von ihnen werden der islamistischen Szene zugerechnet, einige aber auch dem linken oder rechten Spektrum.
Grüne: „Sicherheitsrisiko“ durch unvollstreckte Haftbefehle
Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic, bezeichnete die Entwicklung als alarmierend. „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Zehntausende Straftäter trotz offenem Haftbefehl frei herumlaufen“, sagte sie dem SPIEGEL. „Das ist ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung.“ Mihalic forderte eine bessere Ausstattung der Polizei und eine stärkere Digitalisierung der Justiz, um Haftbefehle schneller vollstrecken zu können.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisiert seit Langem, dass die Polizei personell nicht in der Lage sei, alle offenen Haftbefehle zu bearbeiten. „Allein in Nordrhein-Westfalen liegen mehr als 20.000 Haftbefehle bei den Dienststellen“, sagte der GdP-Vorsitzende Jörg Radek. „Die Kollegen sind überlastet, die Priorisierung ist schwierig.“
Bundesjustizministerium verweist auf Länderzuständigkeit
Das Bundesjustizministerium verwies auf Anfrage darauf, dass die Vollstreckung von Haftbefehlen Ländersache sei. Man nehme die Zahlen aber ernst und stehe im Austausch mit den Ländern, um Lösungen zu finden. Eine Sprecherin betonte, dass die Zahl der offenen Haftbefehle nicht automatisch bedeute, dass die Gesuchten nicht gefasst würden. Viele Haftbefehle würden nach Jahren noch vollstreckt, etwa bei Verkehrskontrollen oder anderen Anlässen.
Die Union forderte unterdessen eine Verschärfung des Strafrechts. „Es kann nicht sein, dass Schwerverbrecher einfach untertauchen können“, sagte der rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Günter Krings. „Wir brauchen mehr elektronische Fußfesseln und eine bessere Vernetzung der Polizeibehörden.“
Hintergrund: Anstieg der offenen Haftbefehle
Die Zahl der offenen Haftbefehle ist in den letzten zehn Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Gründe sind unter anderem die zunehmende Arbeitsbelastung der Justiz, Personalmangel bei der Polizei und die wachsende Zahl von Verfahren gegen Beschuldigte ohne festen Wohnsitz. Besonders betroffen sind Großstädte wie Berlin, Hamburg und Köln.
Der Deutsche Richterbund warnte vor einer Überlastung der Justiz. „Die Gerichte arbeiten am Limit“, sagte der Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn. „Wenn wir nicht mehr Richter und Staatsanwälte einstellen, wird sich die Situation weiter verschärfen.“
Die Innenministerkonferenz hatte im vergangenen Jahr beschlossen, eine Taskforce einzurichten, die die Vollstreckung von Haftbefehlen verbessern soll. Ergebnisse liegen bislang nicht vor.



