Deradikalisierung in Haft: Wie Islamisten von ihrer Ideologie gelöst werden
Deradikalisierung in Haft: Wie Islamisten gelöst werden

In deutschen Gefängnissen arbeiten speziell ausgebildete Fachkräfte daran, inhaftierte Islamisten von ihrer radikalen Ideologie zu lösen. Diese Deradikalisierungsprogramme sind ein zentraler Bestandteil der Sicherheitsstrategie, um weitere Anschläge zu verhindern. Dutzende gewaltbereite Islamisten sitzen derzeit hinter Gittern, darunter rund 40 allein in Nordrhein-Westfalen, wie das dortige Justizministerium Ende August zählte. In Hessen waren im September 2024 fünf Gefangene als islamistische Terroristen verurteilt, in Hamburg sechs, in Berlin 14 und in Bayern knapp 30.

Die Arbeit der Deradikalisierer

Laura Gärtner, Sozialarbeiterin beim Violence Prevention Network in Berlin, besucht regelmäßig Gefangene. Sie wird oft von besorgten Justizbediensteten alarmiert, wenn diese eine Radikalisierung vermuten. „Wenn sich jemand einen Bart wachsen lässt in Haft, ist das allein kein Grund, dass er radikaler Islamist ist“, sagt Gärtner. Ihr Ansatz: Vertrauen aufbauen durch Biografiearbeit. „Wir sprechen darüber, wie die Person aufgewachsen ist, wie das Verhältnis zu ihren Eltern oder Geschwistern war“, erklärt sie. Erst nach und nach entsteht eine Basis, um über die Tat und die Ideologie zu reden.

Ein Fall zeigt, wie mühsam dieser Prozess sein kann: Ein verurteilter Islamist weigerte sich jahrelang, mit Gärtner zu sprechen, weil sie eine Frau ist. Erst die Nachricht vom Tod eines Familienangehörigen und die verweigerte Teilnahme an der Beerdigung öffneten ihn. „Die Haft ist ein harter Ort, man muss hart sein, um die Zeit dort durchzustehen“, sagt Gärtner. „Niemand will sich verletzlich zeigen.“

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Maßnahmen gegen Missionierung

Gülden Hennemann, koordiniert die Arbeit mit Extremisten in den 36 bayerischen Gefängnissen. Sie warnt vor den Gefahren der Missionierung: Wenn ein Gefangener andere Inhaftierte für den Dschihad gewinnt, droht eine Radikalisierungswelle. Frankreich und Belgien machten den Fehler, Extremisten zu isolieren, was zu Radikalisierungsräumen führte. In Deutschland setzen die Behörden auf Überwachung, Durchsuchungen und Einzelhaft. „Am Ende der Kette steht die Verlegung in eine andere Haftanstalt“, sagt Hennemann.

Die Fachleute nutzen Rollenspiele und Gruppengespräche, um kritisches Denken zu fördern. „Wir wollen wissen und verstehen, wo ein Mensch ideologisch steht“, betont Hennemann. „Ich habe kein Profil im Kopf, keine Checkliste, die ich abhake.“

Rückfallrisiko und Nachsorge

Obwohl die Programme Erfolge zeigen, bleibt ein Restrisiko. Im Oktober 2020 erstach ein junger Islamist in Dresden einen Passanten – nur wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug. „Manche können wir trotz großer Anstrengungen auch während der Inhaftierung nicht erreichen, da sie zu tief in ihrer Ideologie verhaftet sind“, sagt Hennemann. Dann übernehmen Polizei und Verfassungsschutz die Überwachung. Die Sicherheit Deutschlands liegt dann nicht mehr in ihren Händen.

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