Gewalt-Zeugen: Folgen und Hilfe nach Macheten-Attacke in Kelkheim
Gewalt-Zeugen: Folgen und Hilfe nach Attacke in Kelkheim

Schock, Schuldgefühle, Alpträume: Was bleibt, wenn man Zeuge einer tödlichen Attacke wie derjenigen in Kelkheim wird – und wie Betroffene ihren Alltag zurückerobern können. Die Sozial- und Traumapädagogin Kristina Speicher von der Darmstädter Hilfe, einer Beratungsstelle für Opfer und Zeugen in Südhessen, gibt Einblicke in die psychischen Folgen und die Wege der Verarbeitung.

Die Tat und ihre unmittelbaren Folgen

Mitten in der Stadt greift ein Mann in Kelkheim seine Ehefrau mit einer Machete an und verletzt sie dabei tödlich. Der Frau werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft „mindestens 30 abgrenzbare Stich- und Schnittverletzungen im Bereich des Kopfes, Halses, Nackens und Oberkörpers zugefügt“ – und zahlreiche Menschen werden Zeuge der grausamen Tat in der Nähe des belebten Marktplatzes. Nach Polizeiangaben überwältigen einige von ihnen den 60 Jahre alten Angreifer und halten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest. Damit ist der Vorfall für Augenzeugen solcher Taten aber in der Regel nicht vorbei: Viele tragen die Eindrücke noch lange mit sich herum.

Wie erleben Zeugen eine solche Tat?

„So ein Ereignis ist immer auch eine akute Gefahrensituation, die Menschen in einen Schockmodus versetzen kann“, erklärt Speicher. „Wenn Zeugen miterleben, dass jemand mit einer Waffe angegriffen und schwer verletzt wird, prasseln unheimlich viele Geräusche und visuelle Eindrücke auf sie ein.“ Das aktiviere automatisch eine Notfallreaktion in Nervensystem und Gehirn. „In diesem Moment handeln Menschen oft nicht mehr bewusst, sondern im Automatismus“, erläutert die psychosoziale Prozessbegleiterin. Viele Zeugen beschrieben später, sie hätten einfach funktioniert, „wie auf Autopilot“, und nur das getan, was in dem Moment möglich war.

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Was löst das Geschehene bei den Zeugen aus?

„Häufig verschwimmt bei ihnen das Gefühl für Zeit und Raum“, schildert Speicher. Im Nachgang würden viele Menschen immer wieder mit inneren Bildern des Geschehens konfrontiert. „Das Gehirn versucht dann, Erklärungen zu finden: Wie genau war das? Hätte ich anders handeln können? Hätte ich noch etwas tun müssen? Wäre es dann anders ausgegangen?“ Solche Gewalterfahrungen überforderten viele Menschen, „weil sie Gewalt meist nur aus den Medien oder aus Filmen kennen“. Wenn so etwas aber vor den eigenen Augen passiere, komme es einem extrem nah. „Und das macht etwas mit ihnen. Das kann das Selbstbild verändern und auch die Sicht auf die Welt.“

Welche langfristigen Folgen kann das haben?

Selbst Menschen, die das Geschehen nur aus einiger Distanz beobachtet haben, könnten danach belastende Folgen entwickeln: Schlafstörungen, Alpträume, Gedankenkreisen oder das Vermeiden bestimmter Orte. „Auch Menschenansammlungen oder Orte, die dem Tatort ähneln, können Auslöserreize sein, die das Nervensystem wieder in Alarm versetzen“, erklärt Speicher. Dann hätten Betroffene das Gefühl, erneut in der Akutsituation zu sein. Der Körper werde mit Stresshormonen geflutet – zunächst als natürliche Schutzreaktion. „Wenn diese Anspannung aber nicht verarbeitet werden kann und Menschen eher in eine Erstarrung geraten als in Kampf oder Flucht, bleibt sie oft im Körper stecken.“ Das könne zu dauerhafter innerer Anspannung, schneller Reizbarkeit, Konzentrationsproblemen oder einem Gefühl von Entfremdung führen. Wie stark solche Folgen sind, sei individuell verschieden und hänge auch von den Vorerfahrungen und sozialen Ressourcen eines Menschen ab, erläutert die Sozialpädagogin.

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Welche Unterstützung brauchen Zeugen?

„Für viele Zeugen ist es in der Akutsituation zunächst belastend, immer wieder von dem Erlebten erzählen zu müssen“, sagt Speicher. Mit jeder detaillierten Erzählung werde die Erinnerung erneut aufgerufen und verändert. Für manche könne es dennoch hilfreich sein, mit ausgewählten Vertrauenspersonen darüber zu sprechen. „Wichtig ist dann aber, den Fokus weniger auf den genauen Ablauf zu legen als auf die Frage: Wie geht es mir seitdem? Was hat sich in meinem Alltag verändert?“, sagt Speicher. „Wichtig ist zu verstehen: Diese Reaktionen sind normale Reaktionen auf ein nicht normales Ereignis.“ Langfristig sei entscheidend, im Alltag wieder Erfahrungen von Sicherheit zu machen, damit Nervensystem und Gehirn wahrnehmen können, dass die akute Gefahr vorbei ist. „Niemand muss mit solchen Erfahrungen allein bleiben“, betont Speicher. Der Weg zurück in den Alltag brauche Zeit, und es sei wichtig zu wissen, dass man sich jederzeit Hilfe holen könne, etwa bei einer der acht hessischen Opferhilfestellen in Hanau, Kassel, Gießen, Wiesbaden, Frankfurt, Fulda, Limburg-Weilburg und Darmstadt.