Eine Juristin des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) hat in einem CNN-Interview erstmals öffentlich ihre Vorwürfe gegen den suspendierten Chefankläger Karim Khan bekräftigt. Die unter dem Pseudonym „Sarah“ auftretende Mitarbeiterin wirft Khan sexuelle Nötigung und Machtmissbrauch vor. Eine zweite Frau, die sich „Patricia“ nennt, erhebt ähnliche Anschuldigungen.
Vorwürfe sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch
Sarah, eine seit 2017 für den IStGH tätige Juristin aus Malaysia, schilderte in dem Interview mit CNN-Journalistin Christiane Amanpour detaillierte Vorfälle. So soll Khan sie in Kolumbien in ihrem Hotelzimmer gegen ihren Willen berührt haben. „Er hat angefangen, seine Hand in meine Leggings zu schieben und mir seine Zunge ins Ohr zu stecken“, sagte sie. Sie fühlte sich „gedemütigt“. Patricia, die bereits 2024 dem Guardian von ähnlichen Erfahrungen berichtete, erklärte, Khan habe seit ihrer Praktikumszeit „immer mehr Macht angehäuft und ist immer dreister geworden“. Beide Frauen betonten das Machtgefälle: „Bei einem solchen Machtgefälle kann es unmöglich einvernehmlich sein“, so Sarah.
Disziplinarverfahren und Suspendierung
Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen hat zu dem Fall ermittelt. Im Juni 2025 suspendierte das Aufsichtsgremium des IStGH Khan für die Dauer des Disziplinarverfahrens vom Dienst. Der 56-Jährige war bereits im vergangenen Jahr vorübergehend zurückgetreten. Seine Anwältin Sareta Ashraph erklärte gegenüber CNN, Khan bestreite „jegliche Form von sexuellem Kontakt oder einer Beziehung, sei es einvernehmlich oder ohne Einwilligung“ mit dem mutmaßlichen Opfer.
Abstimmung über Amtsenthebung steht bevor
Der CNN-Bericht erscheint zu einem kritischen Zeitpunkt: Am 24. Juli 2025 stimmen die Mitgliedsstaaten des IStGH darüber ab, ob Khan seines Amtes enthoben werden soll. Laut Dokumenten, die Reuters vorliegen, kamen Diplomaten des Aufsichtsgremiums zu dem Schluss, dass Khan tatsächlich eine unangemessene sexuelle Beziehung zu einer jüngeren Mitarbeiterin hatte und entlassen werden sollte.
Angst um Job und Visum
Sarah beschrieb, dass sie Angst hatte, Khans Annäherungsversuche abzulehnen, um ihren Job und ihr Arbeitsvisum nicht zu verlieren, das ihr ermöglichte, mit ihrem Mann und ihrem Sohn in den Niederlanden zu leben. Sie wies zudem Online-Gerüchte zurück, sie arbeite für den israelischen Geheimdienst Mossad. Khan hatte die Vorwürfe im Zusammenhang mit seinem Haftbefehl gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu gestellt. Sarah erklärte, sie habe sich umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen: „Wenn es jemals auch nur den geringsten Verdacht gegeben hätte, dass ich eine staatliche Agentin jeglicher Art sei, wäre ich entlassen worden.“
Arbeitsumfeld und emotionale Belastung
Sarah beschrieb Khan als einen leicht reizbaren Menschen: „Er konnte innerhalb kürzester Zeit von einer gelassenen und kooperativen Haltung in Wut verfallen, beispielsweise aufgrund von Kritik in den sozialen Medien. Dann brach diese Wut über einen herein, sodass man immer das Gefühl hatte, der Boden würde sich unter einem wegbewegen.“ Ihre Aufgabe sei es auch gewesen, Khans „Emotionen zu regulieren“. Sie betonte, dass die Vorfälle kein Einzelfall waren: „Wir befanden uns in einem Umfeld, in dem wir ständig in Bewegung waren. Es gab immer wieder Krisen. Außerdem ist die Arbeit, die man dort leistet, sehr emotional.“
Krise für den Internationalen Strafgerichtshof
Khan ist das Gesicht des IStGH. Die Vorwürfe stürzen die ohnehin angeschlagene Institution in eine tiefe Krise. Diplomaten und Beobachter fragen sich, ob der Gerichtshof diesen Skandal überstehen kann. Die Entscheidung der Mitgliedsstaaten am 24. Juli wird richtungsweisend sein.



