Eine Juristin des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) hat in einem CNN-Interview erstmals öffentlich schwere Vorwürfe gegen den suspendierten Chefankläger Karim Khan erhoben. Die unter dem Pseudonym „Sarah“ auftretende Frau wirft dem 56-Jährigen sexuelle Nötigung und Machtmissbrauch vor. Khan, der seit Juni 2026 vom Dienst suspendiert ist, bestreitet jegliches Fehlverhalten.
Vorwürfe werden öffentlich
Die ursprünglich aus Malaysia stammende Juristin arbeitet seit 2017 für den IStGH. In dem Interview mit CNN-Journalistin Christiane Amanpour schilderte sie detailliert mehrere Vorfälle. So soll Khan sie in einem Hotelzimmer in Kolumbien gegen ihren Willen an intimen Stellen berührt und seine Zunge in ihr Ohr gesteckt haben, während sie vorgab zu schlafen. „Bei einem solchen Machtgefälle kann es unmöglich einvernehmlich sein“, erklärte Sarah. Sie habe Angst gehabt, Khans Annäherungsversuche abzulehnen, da sie ihren Job und ihr Arbeitsvisum für die Niederlande nicht verlieren wollte.
Zweite Betroffene meldet sich
Eine zweite Frau, die unter dem Pseudonym „Patricia“ auftritt, sprach ebenfalls mit CNN. Sie hatte sich bereits 2025 gegenüber dem „Guardian“ geäußert. Patricia arbeitete in ihren Zwanzigern für Khan und beschrieb, wie er „immer mehr Macht angehäuft und immer dreister geworden“ sei. Sie betonte, dass bei einem solchen Machtgefälle keine Einvernehmlichkeit möglich sei. „Das war kein isolierter Fall. Wir befanden uns in einem Umfeld, in dem wir ständig in Bewegung waren“, sagte sie.
Disziplinarverfahren und Abstimmung
Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen hat zu dem Fall ermittelt. Im Juni 2026 suspendierte das Aufsichtsgremium des IStGH Khan für die Dauer des Disziplinarverfahrens. Die Mitgliedsstaaten des Gerichts sollen am 24. Juli 2026 über eine Absetzung Khans abstimmen. Laut Dokumenten, die Reuters vorliegen, kamen Diplomaten zu dem Schluss, dass Khan eine unangemessene sexuelle Beziehung zu einer jüngeren Mitarbeiterin hatte und entlassen werden sollte.
Khans Verteidigung
Khans Anwältin Sareta Ashraph erklärte gegenüber CNN, ihr Mandant bestreite „jegliche Form von sexuellem Kontakt oder einer Beziehung, sei es einvernehmlich oder ohne Einwilligung“ mit dem mutmaßlichen Opfer. Khan selbst hatte die Vorwürfe zuvor als haltlos zurückgewiesen. Er stellte sie in Zusammenhang mit seinem Haftbefehl gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu wegen des Gazakrieges. „Dies ist ein Moment, in dem ich und der Internationale Strafgerichtshof Ziel von zahlreichen Angriffen und Drohungen sind“, erklärte Khan.
Sarah weist Mossad-Gerüchte zurück
Sarah wies in dem Interview zudem Online-Gerüchte zurück, sie arbeite für den israelischen Geheimdienst Mossad. Sie habe sich umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen, um eng mit Khan und seinem Vorgänger zusammenarbeiten zu können. „Wenn es jemals auch nur den geringsten Verdacht gegeben hätte, dass ich eine staatliche Agentin jeglicher Art sei, wäre ich entlassen worden“, sagte sie.
Krise für den IStGH
Der Fall stürzt den IStGH in eine tiefe Krise. Khan war das Gesicht des Gerichts, das vor allem durch Ermittlungen zu Kriegsverbrechen im Gazastreifen und in der Ukraine bekannt wurde. Die Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens erschüttern die Institution und werfen Fragen nach der Glaubwürdigkeit und den internen Strukturen auf.



