Mafia-Konsortium Hydra: Kronzeuge Scarface packt vor Gericht aus
Mafia-Konsortium Hydra: Kronzeuge Scarface packt aus

Vor dem Gericht in Mailand läuft derzeit eines der aufsehenerregendsten Verfahren gegen die organisierte Kriminalität in Italien: Im Prozess „Hydra“ geht es um ein Bündnis aus Cosa Nostra, ’Ndrangheta und Camorra, das offenbar auch in der Lombardei Fuß gefasst hat. Ein ehemaliger Mafioso, William Alfonso Cerbo, genannt „Scarface“, hat sich als Kronzeuge zur Verfügung gestellt und gewährt nun tiefe Einblicke in die Strukturen und den Alltag der Verbrecherorganisationen.

Das Verfahren trägt seinen Namen nicht zufällig: Hydra, das vielköpfige Ungeheuer aus der griechischen Mythologie, steht sinnbildlich für ein Konsortium, das nach Überzeugung der Anklage von der sizilianischen Cosa Nostra, der kalabrischen ’Ndrangheta und der neapolitanischen Camorra gebildet wird. Die drei Organisationen sollen sich in der Lombardei zusammengeschlossen haben, um ihre Profite zu maximieren, Konflikte zu vermeiden und sich gegenseitig zu unterstützen. Laut Cerbo ist inzwischen auch die albanische Mafia mit von der Partie.

Der Bunker-Gerichtssaal der Strafvollzugsanstalt San Vittore ist klein und streng bewacht. Vertreter von Antimafia-Organisationen und Bürgermeister aus Kommunen mit hoher Mafia-Präsenz verfolgen die Verhandlung von der Tribüne aus. Rund 30 Verteidiger sitzen im Saal. Die Angeklagten selbst sind an diesem Tag nicht anwesend – sie sind über Gefängnisse in ganz Italien verteilt und per Video zugeschaltet. Cerbo, der als „Collaboratore“ unter Personenschutz steht, sagt hinter einem Paravent aus. Die Richterin hatte zu Beginn der Verhandlung eingeschärft, dass er auf keinen Fall fotografiert werden darf.

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Ein Konsortium mit vier Köpfen

Die Präsenz der Mafia in der Lombardei ist nicht neu: Schon in den 1970er Jahren ließen sich die Clans in der norditalienischen Region nieder. Neu ist jedoch die Idee eines gemeinsamen Bündnisses. Der Mailänder Bunker ist eine Miniversion des berühmten Gerichtssaals im Gefängnis Ucciardone in Palermo, der für den „Maxiprocesso“ gegen die Cosa Nostra errichtet wurde. Damals, von 1986 bis 1992, standen 475 Angeklagte vor Gericht – ein historischer Prozess, der von Staatsanwalt Giovanni Falcone vorbereitet wurde.

Im aktuellen Verfahren Hydra haben die Staatsanwälte Alessandra Cerreti und Rosario Ferracane Anklage gegen insgesamt 143 Personen erhoben. 80 davon wählten das Schnellverfahren, um eine Strafmilderung zu erreichen. Das Urteil aus dem Frühjahr: 60 Angeklagte wurden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Erpressung, Drogenhandel, illegalem Waffenbesitz, Steuerbetrug und Geldwäsche verurteilt. Die höchste Strafe beträgt 16 Jahre. 18 Beschuldigte wurden freigesprochen, zwei kamen für das Schnellverfahren nicht infrage.

Cerbo: Vom Bauunternehmer zum Kronzeugen

William Alfonso Cerbo, Jahrgang 1982, stammt aus Catania auf Sizilien. In der Lombardei war er die rechte Hand des ebenfalls aus Catania stammenden Mazzei-Clans. Sein Spitzname „Scarface“ geht auf eine Villa zurück, die er sich bei Catania hatte bauen lassen – eine Kopie der Residenz von Tony Montana aus dem Filmklassiker. Doch nicht nur er trug einen Beinamen: In den Kreisen der Organisation kursieren Namen wie „Dollarino“, ein Broker und Drogendealer mit Verbindungen nach Südamerika, oder „il Nano“ und „la Nana“, ein Ehepaar, das wegen seiner geringen Körpergröße so genannt wurde.

Cerbos Aufgabenbereich umfasste vor allem die Gründung von Scheinfirmen, insbesondere in der Baubranche. Er setzte Strohmänner als Geschäftsführer ein, kaufte Materialien und Waren im Wert von Zehntausend- oder Hunderttausenden Euro. Anschließend ließ er die Firmen verschwinden und verkaufte die Ware auf dem Schwarzmarkt. Dieses System erlaubte es der Organisation, hohe Gewinne zu erzielen, ohne steuerlich in Erscheinung zu treten.

Nun läuft das ordentliche Gerichtsverfahren gegen 65 Angeklagte. Cerbo ist der erste von insgesamt fünf Kronzeugen, die ihre Aussage zugesagt haben. Auf die Frage der Richterin, warum er mit der Justiz kooperiere, sagte er: „Ich hab es für meine Kinder, für meine Familie gemacht, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten.“ Seine bisherige Strafe aus dem Schnellverfahren – fünf Jahre Haft – wurde wegen seiner Zusammenarbeit reduziert.

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Die Tradition der Kronzeugen

Die Figur des „Collaboratore“ geht auf Giovanni Falcone zurück, den legendären Staatsanwalt, der im Kampf gegen die Cosa Nostra auf die Aussagen von Tommaso Buscetta setzte. Buscetta deckte erstmals die geheime Struktur der Mafia auf. Je bedeutsamer die Informationen sind, die ein Kronzeuge liefert, desto größer kann seine Strafmilderung ausfallen – bis zur Hälfte der Haftzeit. Cerbo hat umfangreich ausgepackt: Er berichtet von Treffen in Mailänder Vorstadtgemeinden, nennt Namen und weist auf Lokale hin, die direkt hinter dem Dom liegen und in denen eine der drei Mafia-Organisationen investiert hatte.

Doch nicht nur seine Angaben zu Geschäften und Strukturen sind brisant. Auch seine Erzählungen über den Alltag der Mafiosi im Gefängnis sorgen für Aufsehen. Als Cerbo im September 2021 festgenommen und nach San Vittore gebracht wurde, stellte sich ihm sofort Vittorio Sorrentino vom Camorra-Clan der Senese zur Verfügung. Er sorgte dafür, dass Cerbo in seine Zelle kam. Am Samstag traf man sich bei der Messe mit Giancarlo Vestiti, ebenfalls ein Senese-Mann. Auf die erstaunte Frage der Richterin, ob sie denn besonders gläubig seien, antwortete Cerbo: „Persönlich nicht, darum ging es ja nicht. Die Messe war die einzige Gelegenheit, uns auszutauschen.“

Gefängnisalltag: Hilfe, Handys und Drohnen

Die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe scheint tief in der Mafia-Kultur verankert. „Die Sache ist die: In Siracusa gehören 90 Prozent der Insassen dem Clan Mazzei an. Gut möglich, dass sich ein Camorrista fremd fühlt. Wir setzen uns aber dafür ein, dass er sich wohlfühlt“, erklärt Cerbo anhand eines Falls, bei dem der Sohn eines Camorrista in der sizilianischen Haftanstalt gelandet war. Er selbst habe sich jedenfalls in Genua auf ähnliche Unterstützung verlassen können.

Im Marassi-Gefängnis von Genua machte Cerbo eine erstaunliche Erfahrung: „Fast in jeder zweiten Zelle gab es Handys“, sagt er. Kurz nach seiner Einlieferung habe ihn ein ’Ndrangheta-Mann gefragt, ob er telefonieren müsse – dann würde er sofort ein Handy besorgen. Die Geräte wurden an bestimmten Tagen per Drohne auf das riesige Fußballfeld des Gefängnisses geflogen, das an eine Straße grenzte. „Manche verbrachten den ganzen Nachmittag auf der Toilette und sprachen auch per Videocall mit der Familie und den Mafiosi draußen“, erinnert sich Cerbo.

Die Preise für die illegalen Handys waren beachtlich: Ein kleines Gerät kostete rund 400 Euro, ein großes 1200 Euro, bezahlt von den Familien draußen. Abends, vor dem Zellenschluss, wurden die Mini-Geräte in Hohlräumen unter den Tischbeinen der Gemeinschaftsräume versteckt, die größeren Modelle fanden Platz in Mauerspalten. Die Operation „Ombra“ (Schatten) hatte erst kürzlich wieder gezeigt, wie Mafiabosse auch aus dem Gefängnis heraus ihre Geschäfte per Handy und Videocall weiterführen.

Ausblick: Fortsetzung im September

Etwas mehr als fünf Stunden dauert der Verhandlungstag, nur von kurzen Pausen unterbrochen. Am 3. September wird der Prozess fortgesetzt. Dann sind die Verteidiger an der Reihe, die Kronzeugen zu befragen. Bis dahin werden die Aussagen von William Alfonso Cerbo noch viele Gemüter bewegen – und womöglich weitere Details ans Licht bringen, die die Mafia in der Lombardei in ein neues Licht rücken.