Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow haben Ermittler am 14. Verhandlungstag vor dem Landgericht Rostock detailliert rekonstruiert, wie die Angeklagte Gina H. gewusst haben könnte, dass der Junge am Tattag allein in der Wohnung war. Ein entscheidendes Indiz: Fabians Fahrrad, das stets gut sichtbar vor der Haustür stand, wenn er nicht in der Schule war.
Laut den Aussagen mehrerer Polizeibeamter war Fabian an seinem Todestag, dem 10. Oktober 2025, wegen Nasenblutens nicht zur Schule gegangen. Seine Mutter musste zur Arbeit, sodass der Junge allein in der Wohnung blieb. Genau diese Abwesenheit der Mutter blieb offenbar nicht unbemerkt. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Angeklagte Gina H. das Fahrrad des Jungen beim Vorbeifahren sah und daraus schloss, dass Fabian zu Hause war. Dieses Detail sei für die Rekonstruktion der Tathergänge von zentraler Bedeutung gewesen.
Rekonstruktion der Wege: Mögliches Treffen einen Tag vor der Tat
Die Ermittler legten dar, dass sich die Wege von Fabian und Gina H. möglicherweise bereits am 9. Oktober 2025, einen Tag vor der Tat, gekreuzt haben. Fabian war auf dem Weg von einem Freund zum Jugendclub „Alte Molkerei“ unterwegs. Für diese Strecke benötigte er mit seinem Fahrrad sechs Minuten länger als üblich. Zur gleichen Zeit befand sich Gina H. mit ihrem Auto auf einer Straße, die auf Fabians Route lag. Ob es tatsächlich zu einer Begegnung kam, lasse sich nicht beweisen, aber anhand von Handydaten und Funkzellenverbindungen ungefähr nachvollziehen, so die Beamten.
Am Tattag selbst war Fabians Handy bis genau 10:51 Uhr aktiv und verblieb dann in der Wohnung seiner Mutter. Nur zwei Minuten später, um 10:53 Uhr, erfasste die Überwachungskamera eines Elektrobetriebs das Auto von Gina H., wie es an der Straße des Jungen vorbeifuhr. Um 11:10 Uhr loggte sich ihr Handy in einer Funkzelle nahe dem späteren Tatort bei Lohmen ein, bevor sie das Gerät um 11:22 Uhr bewusst ausschaltete. Die Ermittler gehen davon aus, dass Gina H. den Jungen in diesem engen Zeitfenster von etwa 20 Minuten zum Waldstück brachte und tötete. Später könnte sie noch einmal zurückgekehrt sein, um die Leiche mit Grillanzünder zu verbrennen.
Angeklagte zeigte sich gefasst – Aussage einer Polizistin
Am Vormittag des 14. Oktober rief Gina H. die Polizei, nachdem sie ihre beste Freundin Heike M. zum Tatort geführt hatte. In der Nacht zuvor hatte sie den Tümpel im Niemandsland bereits mit ihren Freunden Christian D. und Olaf K. besucht. Ein Polizeibeamter, der die beiden Frauen am Tatort betreute, sagte vor Gericht aus, dass Heike M. immer wieder in Tränen ausgebrochen sei, während die Angeklagte auffällig gefasst gewirkt habe. Als Gina H. aus dem Polizeiwagen in Richtung des Tatortes blickte, soll sie unvermittelt gesagt haben, dass die „Schweinesuhle“ sich anbiete, „um jemanden bewusst zu entsorgen“. Diese Aussage werteten die Ermittler als weiteres Indiz für ihre Täterschaft.
Der Prozess wird am 26. Juni fortgesetzt. Dann soll ein Sachverständiger für operative Fallanalyse aussagen, der die Ermittlungen aus psychologischer Perspektive bewerten wird. Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin davon aus, dass Gina H. Fabian aus bislang ungeklärten Motiven tötete und anschließend versuchte, die Leiche zu beseitigen.



