Charité-Studie belegt Etablierung des West-Nil-Virus in Berlin
Das durch Stechmücken übertragbare West-Nil-Virus (WNV) hat sich einer aktuellen Studie der Charité zufolge in Berlin dauerhaft angesiedelt. Die Forscherinnen und Forscher konnten nachweisen, dass das Virus in der Hauptstadt endemisch vorkommt. „Das West-Nil-Virus ist in Berlin endemisch, das heißt, es kann in den Sommermonaten zu Infektionen ohne Reiseaktivität kommen“, erläuterte Studienautorin Sandra Junglen während eines Pressegesprächs.
Umfangreiche Mückenuntersuchungen
Das Team der Charité sammelte für die Studie insgesamt 24.000 Stechmücken ein und überprüfte diese auf eine Infektion mit dem West-Nil-Virus. Die Ergebnisse zeigten eine beachtliche Belastung: „Wir haben vergleichsweise hohe Infektionsraten in den Stechmücken“, so die Biologin. Im Jahr 2023 wiesen zwischen 0,6 und 6 Prozent der Tiere den Erreger auf. Im Jahr 2024 lag der Anteil zwischen 0,2 und 2 Prozent. Die Untersuchungen ergaben zudem, dass sich das Virus lokal vermehrt und nicht aus anderen Regionen eingeschleppt wurde.
Die Angabe einer Spannweite von 0,6 bis 6 Prozent erklärt sich durch die Testmethode: Die Mücken wurden nicht einzeln, sondern in Gruppen zu je zehn Tieren getestet. Bei einem positiven Gruppenergebnis war klar, dass mindestens eine Mücke infiziert war – möglicherweise aber auch alle zehn. Da dies nicht differenzierbar ist, kann nur eine Spanne angegeben werden.
Erste Infektion in Deutschland 2019
Das West-Nil-Virus zirkuliert hauptsächlich zwischen Mücken und Vögeln. Menschen können durch den Stich einer infizierten Mücke erkranken. Hauptüberträger ist die heimische Stechmückenart Culex pipiens. Das Virus tritt vor allem in den Sommermonaten auf, mit einem Schwerpunkt im August. Ursprünglich stammt der Erreger aus Afrika, ist aber seit Langem auch in Südeuropa und Südosteuropa verbreitet. Die erste bekannte Infektion durch eine Mücke in Deutschland wurde 2019 registriert. „Berlin ist seit sieben Jahren konstant ein WNV-Hotspot mit erhöhten Nachweisen“, erklärte Junglen.
Hohe Dunkelziffer vermutet
Laut Robert Koch-Institut wurden in Berlin im vergangenen Jahr fünf West-Nil-Fälle gemeldet, 2024 waren es sieben, 2023 einer. In diesen Zahlen sind auch Reiserückkehrer enthalten, die sich im Ausland infiziert haben. Deutschlandweit gab es 2025 14 Fälle, 2024 49 und 2023 16. Die Wissenschaftler gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Charité-Virologe Victor Corman schätzt: „Die Zahl der Menschen mit West-Nil-Fieber in Berlin könnte um mindestens das 100-Fache höher liegen.“ Es wird angenommen, dass die Fallzahlen aufgrund des Klimawandels steigen. Dem RKI ist bundesweit ein Todesfall im Zusammenhang mit einer in Deutschland erworbenen Infektion bekannt: 2020 starb eine Person aus Sachsen.
Bei den meisten Menschen verläuft eine Infektion unbemerkt. Etwa ein Fünftel der Infizierten entwickelt West-Nil-Fieber mit grippeähnlichen Symptomen. Nur etwa ein Prozent der Infektionen führt zu schweren neuroinvasiven Erkrankungen, die eine Gehirnhautentzündung verursachen können. Besonders gefährdet sind ältere Menschen.
Überraschende Studienergebnisse
Die Forscher waren von der hohen Rate infizierter Mücken überrascht. Die Infektionsraten im August seien vergleichbar mit denen in Südeuropa, wo es regelmäßig zu Übertragungen auf den Menschen komme. Die Untersuchungen fanden in den Jahren 2023 und 2024 von Juni bis September statt. Fünf Standorte innerhalb eines Quadratkilometers in Berlin-Schöneberg wurden genau analysiert: ein Hinterhof mit etwas Grün, ein parkähnliches Wohngebiet mit einem kleinen See, ein grünes Schwammstadt-Areal mit Wasserauffangbecken, ein Friedhof und ein Naturschutzgebiet.
Beim Vergleich der Areale machten die Wissenschaftler eine überraschende Entdeckung: „Dort, wo die meisten Stechmücken vorkamen, im Naturschutzgebiet (...), gab es die wenigsten Virusnachweise“, sagte Junglen. Die meisten infizierten Mücken fanden sich hingegen im parkähnlichen Wohngebiet und auf dem Friedhof. Dort kommen offenbar Vogelarten vor, die das Virus gut vermehren und an denen sich die Mücken anstecken. „Welche Vögel es genau sind, wissen wir noch nicht.“
Bedeutung für Berliner
Die Untersuchung sei sehr lokal gewesen, daher könnten keine allgemeinen Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, etwa bestimmte Gebiete zu meiden, so Junglen. Die Ergebnisse lassen jedoch darauf schließen, dass naturnahe Gebiete sowie stark versiegelte Flächen mit wenig Vegetation wahrscheinlich geringe WNV-Infektionsraten aufweisen, während Friedhöfe, Parkanlagen und Kleingärten ein höheres Risiko darstellen. Die Wissenschaftler haben zusätzlich Friedhöfe und Kleingärten an mehreren Orten in Berlin beprobt und das Virus auch dort häufiger gefunden.
Mückenschutz empfohlen
Übermäßige Sorgen müssten sich Berliner nicht machen, erklärte Corman. Das Risiko einer Infektion durch einen Mückenstich im Sommer bestehe jedoch. Daher sei ein guter Mückenschutz wichtig, etwa durch Mückenspray oder lange Kleidung. Das gelte vor allem für Menschen mit Risiko für einen schweren Verlauf. Zudem sollten Brutflächen vermieden werden, indem man Regentonnen fest verschließt oder Blumenuntertöpfe und Vogeltränken regelmäßig ausleert.
Bei einem Mückenstich mit Kopfweh sei das allein noch kein Grund, einen Test auf das Virus zu machen, so Corman. Komme Fieber hinzu, sei ein Arztbesuch ratsam – unabhängig von der möglichen Diagnose.



