Die marokkanische Regierung hat sich erstmals offiziell zum Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta geäußert und eine organisierte Aktion bestritten. Ein Sprecher des Innenministeriums in Rabat versicherte, der Andrang sei spontan entstanden. Verantwortlich seien vielmehr Falschinformationen im Internet, die Aktivitäten von Schleusern sowie die Fehlinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils, das die Rückführung bestimmter Migranten begrenzt. Mit dieser Erklärung reagierte Marokko auf tagelange Spekulationen, Rabat habe die Krise bewusst herbeigeführt, um Madrid unter Druck zu setzen.
Mehrere Migranten hatten spanischen Medien gegenüber unabhängig voneinander ausgesagt, sie seien von marokkanischen Sicherheitskräften nicht gestoppt, sondern sogar zum Grenzübertritt ermuntert worden. Viele andere berichteten, sie seien durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die vermeintlich offene Grenze aufmerksam geworden. Der Ministeriumssprecher wies jedoch jede Steuerung des Ansturms zurück und betonte, Rabat arbeite mit den spanischen Behörden eng zusammen und bleibe ein zuverlässiger Partner bei der Bekämpfung irregulärer Migration.
Rund 40.000 Migranten laut Marokko – Spanien nennt höhere Zahl
Nach Angaben des marokkanischen Innenministeriums versuchten etwa 40.000 Migranten, die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Weitere rund 1.100 Menschen hätten sich auf den Weg zur zweiten spanischen Exklave Melilla an der nordafrikanischen Küste gemacht. Die spanische Regierung geht dagegen von 50.000 bis 60.000 Migranten aus, die innerhalb kurzer Zeit von Marokko aus in das abgeriegelte Ceuta gelangten und später wieder zurückkehrten. Die meisten Migranten haben die Exklave inzwischen wieder verlassen, wie die Behörden bestätigten.
Auch bei den Todesopfern weichen die Angaben erheblich voneinander ab: Die marokkanische Seite spricht von elf Toten, die spanischen Behörden dagegen von mindestens 72 Migranten, die beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben kamen. Viele von ihnen ertranken, als sie von der marokkanischen Küste aus in Richtung der Exklave schwammen. Ceuta selbst zählt rund 84.000 Einwohner und ist landseitig vollständig von marokkanischem Territorium umschlossen, seeseitig grenzt es an das Mittelmeer.
Gerichtsurteil und Legalisierung als mögliche Auslöser
Wie es zu dem beispiellosen Ansturm kommen konnte, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Neben der Rolle der marokkanischen Behörden wird auch der spanischen Migrationspolitik eine Mitschuld gegeben. Insbesondere die geplante Legalisierung des Aufenthaltsstatus von bereits in Spanien lebenden irregulären Migranten könnte bei potenziellen Neuankömmlingen falsche Hoffnungen genährt haben. Die Regelung gilt ausdrücklich nicht für Personen, die erst nach einem bestimmten Stichtag ins Land kommen, doch Kritiker befürchten eine Sogwirkung. Hinzu kommt ein spanisches Gerichtsurteil, das die sofortige Rückweisung von Migranten nach einer Einreise über das Meer erschwert. Auf dieses Urteil verwies auch das marokkanische Innenministerium, um den Ansturm zu erklären.
Spanische Medien zeigen sich unterdessen überzeugt, dass die Massenbewegung ohne ein zumindest zeitweiliges Wegschauen der marokkanischen Sicherheitskräfte kaum möglich gewesen wäre. Nach Ansicht nahezu aller Beobachter sei die normalerweise streng bewachte Grenze gut kontrollierbar, hieß es. Die Tageszeitung „El País“ schrieb, Zehntausende Menschen hätten die Grenze nicht „ohne Billigung oder Mitwirkung“ der Verantwortlichen überqueren können. Die in zahlreichen Videos dokumentierte Untätigkeit der marokkanischen Kräfte lasse „keinen Zweifel“ an einer Duldung des Ansturms.
Belastetes Verhältnis zwischen Madrid und Rabat
Die Ereignisse um Ceuta haben das diplomatische Verhältnis zwischen Spanien und Marokko erneut schwer belastet. Beide Regierungen bemühen sich zwar um eine Deeskalation und betonen ihre Kooperationsbereitschaft, doch die widersprüchlichen Angaben zu Opferzahlen und Hintergründen erschweren eine gemeinsame Aufarbeitung. Spanien besteht auf dem Schutz seiner Außengrenzen und fordert mehr europäische Solidarität, während Marokko auf seine eigenen Anstrengungen bei der Migrationsabwehr verweist. Eine abschließende Klärung der Ereignisse steht bislang aus.



