Ceuta-Chaos: Marokko nennt zwei Gründe für den Ansturm
Ceuta-Chaos: Marokko nennt zwei Gründe für den Ansturm

Nach dem beispiellosen Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta hat das marokkanische Innenministerium erstmals offiziell zwei Gründe für das Chaos genannt. Zehntausende Menschen hatten sich an Europas Außengrenze gedrängt, es gab Tote und Verletzte. Die Bilder aus Ceuta zeigten Menschenmassen am Grenzzaun, an Stränden und auf den Straßen der Exklave. Viele Migranten versuchten, auf dem Land- oder Seeweg in das Hoheitsgebiet der EU zu gelangen. Nach Angaben eines Sprechers des marokkanischen Innenministeriums sei der Ansturm jedoch nicht organisiert gewesen. Der Sprecher nannte zwei zentrale Auslöser: Falschinformationen in den sozialen Netzwerken sowie die missbräuchliche Interpretation eines spanischen Gerichtsurteils.

Falschinformationen auf TikTok und anderen Plattformen

Die erste Erklärung betrifft die Rolle von sozialen Medien. Viele Migranten berichteten spanischen Medien übereinstimmend, dass sie durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf eine angeblich offene Grenze aufmerksam gemacht worden seien. Diese Falschinformationen hätten sich in den Stunden vor dem Ansturm rasend schnell verbreitet. Der Sprecher betonte, dass es sich nicht um eine organisierte Aktion gehandelt habe, sondern um eine spontane Bewegung, die durch die irreführenden Meldungen ausgelöst worden sei. Die Behörden in Rabat sprechen von einer regelrechten Welle, die durch Fake News entstanden sei.

Gerichtsurteil als zweiter Auslöser

Als zweiten Grund für den Ansturm verwies das Innenministerium auf ein Urteil eines spanischen Gerichts. Dieses hatte entschieden, dass auf See aufgegriffene Migranten nicht mehr unmittelbar zurückgewiesen werden dürfen. In den sozialen Netzwerken sei dieses Urteil offenbar als Öffnung der Grenzen interpretiert worden, was zusätzliche Migranten dazu bewogen habe, sich auf den Weg nach Ceuta zu machen. Die marokkanische Regierung bekräftigte zugleich ihre Verpflichtung zur Bekämpfung illegaler Migration und stellte sich an die Seite der spanischen Behörden. Die Erklärung aus Rabat deckt sich nach Angaben aus Madrid weitgehend mit den Einschätzungen des spanischen Außenministeriums.

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Widersprüche bei der Einordnung

Allerdings passen die offiziellen Darstellungen nicht vollständig zu den Beobachtungen spanischer Sicherheitskreise. Diese berichten, dass sich marokkanische Grenzpolizisten kurz vor der Invasion von der Grenze zu Ceuta zurückgezogen hatten. Mehrere Migranten schilderten spanischen Medien zufolge unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern vielmehr zum Grenzübertritt ermuntert worden seien. Manche sagten, sie seien von den Sicherheitskräften sogar Richtung Grenze gewiesen worden. Erst am Abend griffen die marokkanischen Behörden mit Tränengas und Wasserwerfern ein, um den Ansturm zu stoppen. Diese zeitliche Abfolge lässt Zweifel an der Darstellung aufkommen, dass die marokkanische Seite völlig überrascht worden sei.

Gravierende Abweichungen bei den Zahlen

Uneinig sind sich die beiden Länder über das Ausmaß des Ansturms. Während die spanischen Behörden von mehr als 50.000 beteiligten Menschen sprachen, gehen die marokkanischen Behörden von 40.000 aus. Noch gravierender sind die Unterschiede bei den Todeszahlen: Laut Marokko kamen elf Menschen ums Leben, Spanien spricht dagegen von 72 Todesopfern. Nach Angaben spanischer Behörden ertranken einige Migranten, andere wurden erdrückt, als sie versuchten, eine Wellenbrecheranlage und den Grenzzaun zu überklettern. Auch über die Zahl der Verletzten gibt es bislang keine gemeinsamen Angaben. Die Diskrepanzen zeigen, wie unterschiedlich die beiden Nachbarländer die Situation bewerten und wie schwer eine unabhängige Faktenlage zu ermitteln ist.

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Lage in Ceuta hat sich beruhigt

Mittlerweile hat sich die Lage an der Küste von Ceuta nach offiziellen Angaben deutlich beruhigt. „Nahezu alle, die in Ceuta angekommen waren, sind inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt“, schrieb Spaniens Außenminister José Manuel Albares auf der Plattform X. Dem spanischen Innenministerium zufolge sind noch 2.500 Marokkaner in Ceuta. Gleichzeitig befinden sich Hunderte weitere Migranten in der spanischen Exklave, wie BILD-Reporter Dimitri Soibel vor Ort berichtete. Viele von ihnen waren bereits länger in Marokko und kamen nach den jüngsten Ereignissen nach Ceuta. Laut Soibel wollen diese Migranten ihre Reise offenbar fortsetzen, statt nach Marokko zurückzukehren. Die spanische Regierung arbeitet nach eigenen Angaben daran, die verbliebenen Menschen zu erfassen und ihren Aufenthaltsstatus zu klären. Auch mit den marokkanischen Behörden wird über ein gemeinsames Vorgehen beraten, um eine erneute Eskalation an der Grenze zu verhindern.