Die spanische Regierung hat die Migrationskrise in der nordafrikanischen Exklave Ceuta für praktisch überwunden erklärt. Nach dem Ansturm von mindestens 50.000 Menschen innerhalb von 24 Stunden seien fast alle wieder nach Marokko zurückgekehrt. Außenminister José Manuel Albares schrieb auf X: „Nahezu alle, die in Ceuta angekommen waren, sind inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt.“ Diese Einschätzung wurde von unabhängigen Medien vor Ort bestätigt.
Albares betonte, die Integrität des Schengen-Raums sei gewährleistet. Niemand gelange auf das spanische Festland, ohne sich auszuweisen. Zugleich kritisierte er die „interessengeleitete Verwirrung“ rund um die Krise, ohne eine bestimmte Regierung zu nennen. Zuvor hatte Italien angekündigt, das Schengen-Abkommen gegenüber Spanien für einen Monat auszusetzen.
EU-Krisensitzung am Samstag
Führende Politiker aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich schlossen sich der italienischen Forderung an. Am Samstag wollen sich Experten der EU-Mitgliedstaaten in einer Krisensitzung austauschen, wie ein Sprecher der irischen Ratspräsidentschaft mitteilte. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte: „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.“ Die EU-Kommission meldete bislang keine Weiterbewegungen in Richtung des europäischen Kontinents.
Unterdessen kam es an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Melilla am Freitagabend zu Auseinandersetzungen. Nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders RTVE warfen mehrere Menschen Steine auf Sicherheitskräfte, die mit Tränengas reagierten. Ob Migranten nach Melilla gelangten, war zunächst unklar. In Ceuta verhinderten spanische Soldaten den Zugang vom Meer zum Strand – erstmals seit 2021 setzt Madrid wieder Militär zur Grenzsicherung ein.
Mindestens 67 Tote – Sanchez spricht von Angriff
Bei dem Massenansturm sind nach bisherigen Erkenntnissen mindestens 67 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten ertranken laut RTVE bei dem Versuch, schwimmend von Marokko nach Ceuta zu gelangen, wie ein Sprecher des Innenministeriums mitteilte. Zunächst war von neun Toten die Rede gewesen, bevor die Behörden die Zahl nach oben korrigierten. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die Regierung 60 Soldaten und 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta. Ministerpräsident Pedro Sanchez besuchte am Freitag gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska den Grenzübergang Tarajal und sagte: „Was gestern geschah, war ein Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens.“
Zuvor hatten zahlreiche Migranten die spanische Polizeibehörde Guardia Civil überrannt. Auf Videos waren Hunderte zu sehen, die mit Schwimmreifen über das Meer kamen oder Tore im Grenzzaun durchbrachen. Marokkanische Behörden setzten in der Grenzstadt Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern.
Rechtspopulistische Kritik an Spaniens Kurs
Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und den USA nutzten die Bilder für scharfe Angriffe. US-Präsident Donald Trump sagte bei einer Kabinettssitzung, er habe „schockierende“ Bilder aus Ceuta gesehen: „Es sieht aus wie eine Invasion eines Landes durch Hunderttausende von Menschen.“ Dasselbe drohe in den USA, wenn die Republikaner bei den Zwischenwahlen im November nicht gewählt würden. AfD-Chefin Alice Weidel behauptete, Ceuta sei „verwüstet“ worden, und forderte eine möglichst harte Abschottung.
Italiens Außenminister Antonio Tajani von der rechtspopulistischen Forza Italia sagte, die Bilder zeigten, dass Sanchez‘ Migrationspolitik verfehlt sei. Auch in Spanien selbst heizt die Krise die politische Debatte an. Die sozialistische Regierung hatte kürzlich ein Programm gestartet, um rund 500.000 Migranten ohne Papiere einen legalen Status zu verschaffen. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei sprach von einer Gefahr für die nationale Sicherheit. Die Polizei errichtete in Ceuta Straßensperren.
Ursachen: Gerichtsurteil, Schlepper oder Marokko?
Eine Hypothese für den sprunghaften Anstieg ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens von Anfang des Monats. Demnach dürfen Migranten, die über einen Grenzzaun nach Ceuta oder Melilla abgefangen werden, nicht umgehend zurückgeschickt werden. Das spanische Innenministerium macht Schlepperbanden dafür verantwortlich, das Urteil auszunutzen, und kündigte an, illegal Eingereiste umgehend abzuschieben. Zwei Migrationsexpertinnen hielten die Theorie gegenüber dem Tagesspiegel allerdings für unplausibel. Eine Stellungnahme des marokkanischen Innenministeriums lag zunächst nicht vor.
Einige Beobachter verweisen auf ein anderes Muster. Bereits im Mai 2021 hatten innerhalb weniger Tage rund 10.000 Jugendliche aus Marokko und Ländern südlich der Sahara die Exklave erreicht. Damals steckte hinter der Grenzöffnung eine diplomatische Krise: Madrid hatte den Polisario-Anführer Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung aufgenommen, woraufhin Marokko die Grenzkontrollen aussetzte. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ schreibt, im gesamten Jahr 2025 hätten nur sechs Migranten Ceuta erreicht, seit Jahresbeginn bis zum 15. Juli keiner.
Schon am Mittwoch hatte die spanische Zeitung „El País“ berichtet, in Marokko verbreite sich die Nachricht einer einfachen Einreise nach Spanien. Ihr Korrespondent Juan Carlos Sanz beschrieb ein großes Aufgebot an Grenzpolizisten, Panzerwägen und Gendarmen. „Sie hielten standhaft ihre Position, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen.“ Die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“
Frontex: Keine Hilfe angefordert
Die EU-Grenzschutzagentur Frontex ist nach eigenen Angaben nicht an den Vorfällen beteiligt. Die Behörde habe keine Bitte um Unterstützung von der Regierung in Madrid erhalten. „Frontex kann einen Mitgliedstaat unterstützen, jedoch nur auf dessen Ersuchen hin“, teilte Frontex mit. Man beobachte die Situation laufend. EU-Migrationskommissar Brunner hatte am Donnerstag die Bereitschaft der EU signalisiert, Spanien unter anderem mit Frontex zu unterstützen.
Ceuta bildet zusammen mit Melilla die einzige Landgrenze der Europäischen Union zum afrikanischen Kontinent. In beiden Städten kommt es immer wieder zu Versuchen von Migranten, auf diesem Weg in die EU zu gelangen. Die aktuelle Krise zeigt, wie schnell die Lage eskalieren kann. Die spanische Regierung setzt nun erstmals seit 2021 wieder Militär ein, um die Grenze zu sichern. Die EU-Kommission sieht bislang keine Anzeichen, dass Migranten weiter Richtung Festland ziehen.



