Die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika erlebt eine dramatische Zuspitzung der Migrationssituation. Mehr als 1500 Menschen, darunter viele Minderjährige, sind in den vergangenen Tagen auf dem Seeweg aus Marokko angekommen. Die Aufnahmezentren sind überlastet, die Behörden arbeiten am Limit. Der Präsident der Region, Juan Jesús Vivas, erklärte: „Wir befinden uns in einer Situation des totalen humanitären und sozialen Notstands.“ Der Sprecherrat der Stadt hat die spanische Zentralregierung aufgefordert, die Grenze zu schließen und das Militär einzusetzen.
Hunderte in einer Nacht gerettet
Allein in der Nacht zu Mittwoch rettete das Rote Kreuz mehr als 100 Menschen vor dem Ertrinken. Viele Migranten versuchen, schwimmend die Straße von Gibraltar zu überqueren, um EU-Territorium zu erreichen. Die Strecke ist gefährlich: Mindestens vier Menschen ertranken in den vergangenen Tagen. Die meisten Migranten stammen aus Marokko, Algerien und dem Sudan. Nach Angaben des spanischen Senders RTVE filmen Kamerateams täglich die Ankunft Hunderter Menschen.
Gerichtsurteil als Auslöser
Auslöser des Ansturms ist ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs von vor zwei Wochen. Es verbietet sogenannte Pushbacks – das Zurücktreiben von Migranten im Meer, die spanisches Territorium erreichen wollen. Bisher hatte Spanien sich auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte berufen, das Zurückweisungen unter bestimmten Bedingungen erlaubte. Das Oberste Gericht stellte nun klar, dass diese Praxis nicht für Schwimmende gilt, da sie keine Grenzsicherung überwinden.
Reaktion der Regierung
Das spanische Innenministerium erklärte, mehrere Ministerien arbeiteten koordiniert, um die Situation zu bewältigen. Innenminister Fernando Grande-Marlaska reist am Freitag nach Ceuta, um sich ein Bild zu machen. Die Regierung habe Ressourcen aufgestockt, um Sicherheit, Kontrolle und humanitäre Hilfe zu gewährleisten. Marokko kooperiere eng und verhindere die Ankunft vieler Menschen. Dennoch bleibt die Lage angespannt.
Situation der Minderjährigen
Besonders problematisch ist die Lage unbegleiteter minderjähriger Migranten. Derzeit befinden sich 430 unter der Obhut der Stadtverwaltung, davon kamen 220 allein in den letzten 15 Tagen. Alejandro Ramírez, Sprecher der Regionalregierung, bezeichnete die Lage als „äußerst ernst“ und forderte eine „außergewöhnliche und sofortige Reaktion“ aus Madrid, da sich sonst eine Krise anbahne.
EU-weite Trends
Trotz der Krise in Ceuta gehen die irregulären Einreisen in die EU insgesamt zurück. Die Grenzschutzbehörde Frontex meldet für Juli einen Rückgang von 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Einzige Ausnahme ist die Straße von Gibraltar, wo die Zahl der Grenzübertritte um 17 Prozent stieg: 7860 seit Januar, 995 allein im Juni. Ceuta und Melilla sind die einzigen Landgrenzen der EU mit Afrika und daher besonders betroffen.



