Die Hungerkrise in Afghanistan nimmt immer verheerendere Ausmaße an. Das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) schlägt Alarm: Wegen gekürzter Hilfsgelder kann die Organisation nur noch eines von neun unterernährten Kindern in dem Land unterstützen. Das sagte der WFP-Landesvertreter für Afghanistan, John Aylieff. Die Unterernährung habe ein bislang nicht dagewesenes Ausmaß erreicht, warnte er.
47 Prozent der Minderjährigen unterernährt
Im ersten Quartal dieses Jahres waren 47 Prozent der Minderjährigen in Afghanistan unterernährt. Nach Uno-Schätzung leben mehr als 48 Millionen Menschen in dem Land, 14 Millionen von ihnen leiden unter akutem Hunger. Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise, die sich laut Aylieff weiter zuspitzt.
Die Kürzung der Hilfsgelder vieler Geberländer habe dazu geführt, dass das WFP seine Unterstützung drastisch einschränken musste. In einigen Krisenregionen sei die Verteilung von Lebensmitteln komplett eingestellt worden, da „einfach die Mittel fehlen“, so Aylieff.
Dramatische Berichte aus den Kliniken
„Die schwachen Schreie unterernährter Babys hallen durch die Gesundheitskliniken Afghanistans“, berichtete Aylieff. Eine ganze Generation verkümmere. Er erzählte von einer unterernährten Mutter von drei Kindern in Kandahar, die ihrem Baby statt Milch nur dünnen Tee geben könne. Ihr sechsjähriger Sohn sei zu krank und schwach, um in die Schule zu gehen. Verzweifelt sei sie zu einer Klinik gekommen, doch das WFP habe nichts gehabt, um ihr zu helfen.
Diese Beispiele zeigen, wie akut die Not ist. Die Gesundheitskliniken sind überlastet, die Ressourcen fehlen. Viele Familien haben keine Möglichkeit, ihre Kinder ausreichend zu ernähren.
Finanzierungslücke von 540 Millionen Dollar
Das WFP hat bislang nur gut ein Zehntel der 900 Millionen US-Dollar (rund 780 Millionen Euro) erhalten, die es für Afghanistan für dieses Jahr veranschlagt hatte, sagte Aylieff. Zwar sei in diesem Jahr mit einer guten Ernte zu rechnen. Das bringe aber keine Erleichterung, wenn man bedenke, dass viel mehr Menschen ernährt werden müssten.
Die Organisation benötigt eigenen Angaben zufolge weitere 540 Millionen Dollar, um die akute Ernährungsunsicherheit in Afghanistan in den nächsten sechs Monaten in den Griff zu bekommen. Ohne diese Mittel droht die Lage weiter zu eskalieren.
Folgen über die Landesgrenzen hinaus
Die Folgen der Hungerkrise dürften auch über die Landesgrenzen Afghanistans hinaus spürbar werden, warnte Aylieff: „Extremer Hunger treibt Migration und Radikalisierung voran und führt letztlich zu Instabilität. Wie die Geschichte zeigt, neigt Instabilität nicht dazu, an den Grenzen haltzumachen.“
Neben der drastischen Kürzung der Hilfsgelder tragen auch Konflikte, Handelsbeeinträchtigungen und Zwangsrückführungen aus Nachbarländern – insbesondere Iran und Pakistan – zu dem beispiellosen Ausmaß akuter Unterernährung bei. Die Uno warnt seit Jahren vor drohendem Hunger in Afghanistan. Nun kommen mehrere Umstände zusammen, die sich fatal ergänzen.
Hintergrund: Humanitäre Lage in Afghanistan
Die humanitäre Lage in Afghanistan ist desaströs. Hilfsorganisationen berichten von Familien, die ihre Töchter verkaufen, um zu überleben. Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, ihre Unterstützung zu verstärken, um eine weitere Verschärfung der Krise zu verhindern.



