Die Schweiz bleibt der Magnet für deutsche Auswanderer: Fast 25.000 Bundesbürger siedelten sich dort 2022 an. Platz zwei belegen die USA mit rund 20.000, gefolgt von Österreich mit etwa 14.000. Spanien verzeichnete rund 10.000 deutsche Zuwanderer, Frankreich rund 8.000. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Statistischen Bundesamtes.
Insgesamt verließen im Jahr 2022 so viele Deutsche ihre Heimat wie noch nie: Rund 270.000 deutsche Staatsbürger wanderten aus. Das sind etwa drei Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit 2005 nicht mehr. Der bisherige Höchstwert von rund 260.000 aus jenem Jahr wurde damit übertroffen.
Wer gehört zu den Auswanderern von heute?
Auffällig ist die doppelte Verschiebung: Die Auswanderer werden im Schnitt älter und sind besser gebildet. Gingen 2010 noch 13 Prozent der deutschen Auswanderer in den Ruhestand, waren es 2022 bereits 18 Prozent. Absolut entspricht das einer Gruppe von fast 50.000 Rentnerinnen und Rentnern, die Deutschland jedes Jahr verlassen.
Parallel dazu hat sich der Anteil der Hochschulabsolventen unter den Auswanderern auf über 60 Prozent erhöht. Viele von ihnen verlassen das Land nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern wegen der beruflichen Perspektiven und des Lebensgefühls im Ausland – insbesondere junge Ärzte, Ingenieure und IT-Spezialisten.
Die drei Hauptgründe: Kosten, Bürokratie, Klima
In Umfragen nennen ältere Auswanderer regelmäßig die hohen Lebenshaltungskosten als wichtigsten Auslöser. Mieten, Energiepreise und Inflation haben viele Ersparnisse aufgezehrt. Im Ausland, etwa in Portugal oder Thailand, liegt das Preisniveau um bis zu einem Drittel niedriger – bei gleichzeitig besserem Wetter.
Ein weiterer Treiber ist die vielbeklagte Bürokratie. Deutschland belegt im EU-Vergleich der digitalen Verwaltung regelmäßig hintere Plätze, wie der jährliche Digital Economy and Society Index der EU-Kommission zeigt. Behördengänge kosten hierzulande im Schnitt deutlich länger als in Skandinavien oder Estland.
Ein drittes Motiv macht sich besonders bei der Generation 65+ breit: die Sehnsucht nach Sonne und einem milderen Klima. Wer 40 Jahre lang in Deutschland geschuftet hat, möchte den Ruhestand nicht im grauen Winter verbringen, sondern am Mittelmeer, in den Alpen oder in Südostasien.
Ein Kassensturz für den Sozialstaat
Die Abwanderung hat für Deutschland einen doppelten Effekt. Zum einen verlieren die Sozialsysteme viele Beitragszahler – denn gerade die Gutgebildeten verdienen überdurchschnittlich. Zum anderen konsumieren ausgewanderte Rentner ihre deutsche Rente im Ausland, ohne im Inland Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Ökonomen beziffern den Kaufkraftverlust auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr.
Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Allein im Gesundheitswesen fehlen laut Bundesagentur für Arbeit bereits Zehntausende Arbeitskräfte. Wenn Ärzte und Pflegekräfte Deutschland verlassen, verschärft sich die Lage in Kliniken und Pflegeheimen weiter.
Was Deutschland jetzt tun kann
Um die Auswanderung zu bremsen und Rückkehrer anzuziehen, fordern Ökonomen ein Drei-Punkte-Programm: erstens eine spürbare Entlastung bei Steuern und Abgaben, zweitens eine konsequente Digitalisierung der Verwaltung, drittens bessere Willkommensstrukturen für Rückwanderer – etwa durch Beratungsangebote und finanzielle Anreize.
Ob das reicht, ist fraglich. Denn viele Auswanderer betonen, dass die Entscheidung weniger mit Geld zu tun hat als mit einem Gefühl: der Wertschätzung und der Gelassenheit, die sie im Ausland erfahren. Deutschland könnte sich davon eine Scheibe abschneiden – bevor die Rekordwelle weiter anwächst.



