Umfrage zu Asylrecht: 51 Prozent für Grenzschließung – Widerspruch?
Umfrage zu Asylrecht: 51 Prozent für Grenzschließung

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos hat diese Woche für Schlagzeilen gesorgt: 51 Prozent der Menschen in Deutschland sind demnach dafür, die Grenzen vollständig für Flüchtlinge zu schließen und niemanden mehr aufzunehmen. Dies würde einer faktischen Abschaffung des Asylrechts gleichkommen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Ergebnisse nicht so eindeutig sind, wie sie zunächst erscheinen.

Widersprüchliche Ergebnisse: Grenzschließung vs. Asylrecht

Neben der Frage nach der Grenzschließung wurde in derselben Umfrage auch erhoben, ob die Befragten grundsätzlich dafür sind, dass Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, in anderen Ländern, darunter Deutschland, Schutz finden können. Hier lag die Zustimmung bei 69 Prozent. Dieser scheinbare Widerspruch wirft Fragen auf.

Marc Helbling, Soziologe und Forscher an der Universität Mannheim mit Schwerpunkt Migration und Integration, kritisiert das Design der Ipsos-Studie. Der entscheidende Unterschied liege in der Formulierung der Fragen: Während bei der grundsätzlichen Frage nach der Akzeptanz des Asylrechts konkret von „Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen“ die Rede war, wurde in der Frage nach den Grenzschließungen lediglich der Begriff „Flüchtlinge“ verwendet.

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Die Macht der Worte: „Flüchtling“ vs. „Kriegsflüchtling“

„Das macht für viele Menschen einen großen Unterschied“, erklärt Helbling. „Das Wort ‚Flüchtling‘ wird sehr unterschiedlich verstanden. Wird nicht klargestellt, auf wen genau sich die Frage bezieht, denken viele an Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, und sind eher geneigt, eine ablehnende Antwort zu geben.“ Diese semantische Unschärfe führe zu verzerrten Ergebnissen. Helbling hält daher einen Bevölkerungsanteil von etwa 30 Prozent, der das Asylrecht grundsätzlich ablehnt, für realistischer als die 50 Prozent, die aus der Ipsos-Umfrage herauszulesen seien.

Die grundsätzliche Akzeptanz des Asylrechts in Deutschland sei nicht rückläufig, betont der Soziologe. „Wir sehen in verschiedenen Befragungen, dass die Einstellung zu diesem Thema über die Zeit sehr stabil ist.“ Allerdings habe das Thema an Bedeutung gewonnen und stehe stärker als früher im Zentrum von Wahlentscheidungen. Dies komme vor allem der AfD zugute.

Mangelnde Differenzierung in der öffentlichen Debatte

Die mangelnde Differenzierung, die sich auch in den Ergebnissen der Ipsos-Umfrage widerspiegele, sei ein grundsätzliches Problem der öffentlichen Debatte. „Wir trennen nicht sauber genug zwischen Flucht vor Krieg und Verfolgung einerseits und Wirtschaftsmigration andererseits“, so Helbling. Auch dies stärke die AfD, die diesen Gegensatz bewusst zu verwischen versuche.

Die Umfrage von Ipsos hatte in der vergangenen Woche für breite mediale Berichterstattung gesorgt. Viele Kommentatoren sahen darin einen Beleg für eine wachsende Ablehnung des Asylrechts in der deutschen Bevölkerung. Die differenzierte Analyse von Marc Helbling zeigt jedoch, dass die Realität komplexer ist und die hohe Zustimmung zur Grenzschließung möglicherweise auf Missverständnissen beruht.

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