Hohe Unfallzahlen bei älteren Radfahrern
Im Jahr 2025 kamen in Nordrhein-Westfalen 106 Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben – ein Anstieg von 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders betroffen sind Senioren: 68 der Getöteten waren über 65 Jahre alt, was einem Plus von 36 Prozent entspricht. Zwei Drittel von ihnen verunglückten mit einem Pedelec, hier stieg die Zahl um 59 Prozent. Diese alarmierenden Zahlen zeigen, wie wichtig spezielle Sicherheitstrainings für ältere Radfahrer sind.
Kursangebot in Köln: Praxisnahes Training
Die 83-jährige Kölnerin Elly Kirsch hat sich ein Pedelec gekauft, um mit ihrer Schwester eine Radtour durch die Eifel zu unternehmen. Doch nach zwei Stürzen fühlte sie sich unsicher: „Es hat mir auch keiner erklärt, wie das zum Beispiel mit dem Bremsen und Schalten richtig geht“, sagt sie. Sie meldete sich zu einem Fahrradtraining für Senioren auf einem Verkehrsübungsplatz in Köln an. Kursleiterin Anke Prinz, eine zertifizierte Radfahrlehrerin, bietet die Kurse seit 2013 im Auftrag der Stadt Köln an. „Das schwierigste ist für die meisten das Anfahren und Bremsen“, erklärt Prinz. Die fünftägigen Kurse umfassen Übungen wie punktgenaues Bremsen, Schulterblick und richtiges Verhalten an Gleisen.
Pedelec: Unterschätzte Risiken
Besonders der Umstieg auf ein E-Bike stellt viele Senioren vor Herausforderungen. „Ein Pedelec ist schwer, es ist schnell, es hat ein ganz anderes Bremsverhalten“, sagt Prinz. Jörg Weinrich, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht NRW, bestätigt: „Mit dem Pedelec ist man nun mal deutlich schneller unterwegs als mit einem normalen Fahrrad. Das heißt, man muss auch viel schneller reagieren, was im Alter nicht unbedingt leichter ist.“ Viele unterschätzen die Geschwindigkeit und die veränderten Fahreigenschaften, etwa das leichtere Wegrutschen auf sandigem Asphalt.
Unfallursachen und Verantwortung
Bei schweren Radfahrunfällen handelt es sich in 28 Prozent um Alleinunfälle. Kommt es zu einem Zusammenstoß, liegt die Hauptschuld in zwei Dritteln der Fälle beim anderen Verkehrsteilnehmer, etwa wegen Vorfahrtsverstößen oder Fehlern beim Abbiegen. „Oft unterschätzen auch Autofahrer das Tempo, mit dem Pedelecfahrer angebraust kommen“, so Weinrich. Neben Selbstüberschätzung und mangelndem Gefahrenbewusstsein führt der E-Bike-Boom zu mehr älteren Radfahrern, und schwere Verletzungen enden aufgrund der Gesamtkonstitution häufiger tödlich.
Vision Zero und weitere Maßnahmen
Der ADFC NRW fordert in einer Kampagne mehr Sicherheit für Radfahrer, darunter durchgängige Radwegenetze, sichere Kreuzungsgestaltung und Temporeduzierungen, um das Ziel der „Vision Zero“ zu erreichen. In den Kursen werden auch Gefahrensituationen wie der „Tote Winkel“ und das Verhalten trotz grüner Ampel thematisiert. Die kostenlosen, vom Land NRW geförderten Kurse der Stadt Köln finden viermal jährlich statt. Koordinatorin Sabine Bongenberg berichtet von großer Nachfrage. Zielgruppe sind Senioren, die Radfahren können, sich aber unsicher fühlen.
Positive Resonanz und individuelle Ziele
Die 72-jährige Gabi Erol traute sich nach einem Sturz und einem Bandscheibenvorfall lange nicht mehr aufs Rad. „Jetzt bin ich wieder bereit – möchte aber lieber erstmal etwas Unterricht nehmen“, sagt sie. Schon nach dem ersten Kurstag fühlte sie sich sicherer. Sie verzichtet bewusst auf ein E-Bike. Elly Kirsch hat die Slalom-Aufgabe mit ihrem Pedelec im zweiten Anlauf geschafft und das Anfahren klappt immer besser. „Aber ich muss noch viel üben, das ist alles nicht so einfach“, sagt sie, bleibt aber zuversichtlich, ihr Ziel zu erreichen.



