Deutschland erlebt derzeit eine extreme Dürre, die insbesondere den Süden des Landes betrifft. Rhein und Donau führen so wenig Wasser wie selten zuvor, teils wurden historische Tiefststände gemessen. Auch die Elbe ist stark betroffen. Die Lage könnte sich laut Experten weiter zuspitzen.
Rekordtiefstände an Rhein und Donau
Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig betont: „Wir befinden uns gerade in einer extremen Dürre.“ Besonders betroffen seien der Süden Deutschlands und das Ursprungsgebiet des Rheins in der Schweiz. „Das sind zwei Flüsse, die sehr, sehr stark betroffen sind. Da haben wir extremes Niedrigwasser, teils jetzt schon mit historischen Tiefstständen.“
Martin Helms von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) spricht von einer „außergewöhnlichen Situation mit extremen Wasserständen, zum Teil unter den bekannten niedrigsten Wasserständen“. Auffällig sei, dass alle großen Flüsse – Rhein, Donau, Elbe – gleichzeitig betroffen seien, und das bereits früh im Hochsommer. Üblicherweise beginne die Niedrigwasser-Saison erst im Spätsommer oder Herbst.
Ursachen: Wenig Regen, viel Verdunstung, trockenes Frühjahr
Die Gründe für die Trockenheit sind vielfältig. Weitere erklärt: „Es ist eine Gemengelage, die da zusammenkommt. Es ist sehr warm und wir haben relativ wenig Niederschlag. Das heißt, es kommt auf der einen Seite wenig Wasser rein und es verdunstet auf der anderen Seite viel durch die hohen Temperaturen.“ Zudem habe es ein außergewöhnlich trockenes Frühjahr gegeben, wodurch die Grundwasserspeicher kaum gefüllt wurden.
Ein weiterer Faktor ist die veränderte Schneeschmelze. „Gewöhnlich hatten wir bis in den Sommer hinein Schmelzwasserabfluss, der zu einer guten Wasserversorgung des Bodensees und des Rheins beigetragen hat. Dieser Effekt hat stark abgenommen“, so Weitere. Der Deutsche Wetterdienst meldete für den vergangenen Winter weniger Schnee als im langjährigen Mittel, insgesamt war er zu trocken, sonnig und mild.
Kritische Lage für Natur und Wirtschaft
Die Situation ist nach Einschätzung von Weitere „durchaus kritisch“. Die Natur leide stark, Kleingewässer und wichtige Auen-Ökosysteme trockneten aus. Auch die Wirtschaft sei betroffen: „Am Rhein können Schiffe teils nicht mehr voll beladen fahren. Lieferketten werden gestört und am Ende macht sich das auch in der wirtschaftlichen Wertschöpfung bemerkbar.“
Regionale Schauer und Gewitter brachten nur kurzzeitig Entspannung. „Insgesamt überwiegt die weiterhin sinkende Tendenz“, heißt es vom BfG.
Trinkwasser: Versorgung sicher, aber lokale Engpässe
Die Trinkwasserversorgung in Deutschland ist nach Aussage von Weitere „noch sicher“. Der Großteil des Trinkwassers stamme aus Grundwasser, und die Trinkwassergewinnung habe hohe Priorität. „Dennoch gibt es lokal Engpässe, denen man durch Nutzungseinschränkungen entgegenwirkt.“ So hat die Stadt München kürzlich verboten, private Pools zu befüllen oder Rasen zu sprengen.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Grundwasser in tiefen Schichten durch Niederschläge gespeist wird. In den trockenen Jahren 2018, 2019, 2020 und 2022 seien die Grundwasserstände in oberflächennahen Aquiferen deutlich gefallen.
Wasserqualität: Höhere Schadstoffkonzentrationen und Blaualgen
Bei Niedrigwasser können sich die Konzentrationen von Schadstoffen in Flüssen erhöhen, warnt Helms. Auch die Wassertemperaturen spielen eine Rolle: „Wenn sie über 25 Grad steigen, wird es auch mit dem Sauerstoff problematisch.“ An der Mosel habe sich bereits gesundheitsschädliche Blaualgen entwickelt. Der Lebensraum für Wasserorganismen schränke sich ein.
Zukunft: Neue Normalität mit häufigeren Dürren
Weitere rechnet damit, dass extreme Trockenheit häufiger wird: „Wenn wir uns die Trends und Prognosen anschauen, dann müssen wir davon ausgehen, dass vieles von dem, was wir gerade sehen, zu einer neuen Normalität gehören wird.“ Kritisch werde es, wenn mehrere Ereignisse zusammenkommen, etwa ein trockenes Frühjahr mit einem heißen Sommer.
Der Klimawandel verstärkt die Dürren, da eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Auch das BfG erwartet, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden.
Anpassungsstrategien: Schwamm-Konzepte und flexible Planung
Um sich anzupassen, schlägt Weitere vor, Wasser besser in der Landschaft zu halten: „Die große Frage ist: Wie strecken wir die Wasserverfügbarkeit über das Jahr? Können wir das Wasser, was zu bestimmten Zeiten zur Genüge da ist, in der Landschaft halten?“ Dazu gehörten die Renaturierung von Feuchtgebieten, Mooren und Auen sowie „Schwamm-Konzepte“ in Städten, um Regenwasser zurückzuhalten.
Helms betont, dass es im vergangenen Jahrzehnt neben Dürren auch extreme Hochwasser gab. „Wir müssen flexibel sein und mit verschiedenen Situationen umgehen können.“



