Die Auswirkungen der Vogelgrippe-Welle vom vergangenen Herbst auf die Kranichbestände in Deutschland lassen sich bislang nur teilweise abschätzen. Das berichtet Günter Nowald, Geschäftsführer der Gesellschaft Kranichschutz Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern seien die Brutbedingungen in diesem Jahr zwar besser als erwartet gewesen, doch in einigen Regionen fehlten etwa fünf Prozent der Brutpaare – vermutlich eine Folge der Seuche.
Brutbedingungen und Bestandsentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern waren die Brutbedingungen für Kraniche in diesem Jahr grundsätzlich günstig, da es an vielen Brutplätzen feucht genug war. Kraniche benötigen für ihre Gelege einen gewissen Wasserstand, etwa in Mooren oder Bruchwäldern, um sie vor Fressfeinden wie Füchsen oder Wildschweinen zu schützen. Bei Kontrollen im Juni stellten Vogelschützer jedoch fest, dass in manchen Revieren keine Kraniche oder Kranichpaare anwesend waren. „Wir haben dann feststellen müssen, dass partiell Kraniche oder Kranichpaare gar nicht in ihrem Brutrevier anwesend waren. Also im Vergleich zu den Jahrzehnten davor“, so Nowald. „Zahlenmäßig ist das zum Glück tatsächlich nicht so auffällig, wie wir erst gedacht hatten.“ Schätzungsweise seien etwa fünf Prozent der Paare nicht anwesend gewesen, wobei man davon ausgehen müsse, dass dies auf die Geflügelpest zurückzuführen sei.
Allerdings war das Infektionsgeschehen in Mecklenburg-Vorpommern weniger stark als in anderen Bundesländern. „Wir hatten in Mecklenburg-Vorpommern knapp 600 tote Kraniche erfasst“, erklärt Nowald. In Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Niedersachsen seien es jeweils Tausende gewesen.
Katastrophale Reproduktionsraten in trockenen Regionen
Wie sich der Seuchenzug in den stärker betroffenen Bundesländern auf die Bestände ausgewirkt hat, ist bislang schwerer zu beurteilen. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt herrschte in vielen Regionen ein „katastrophales Trockenjahr“, wodurch sich ohnehin weniger Brutpaare niederließen. Augenscheinlich seien aber nicht alle Brutpaare Opfer der Vogelgrippe geworden. „Das heißt, die Paare waren tatsächlich da“, so Nowald. Allerdings hätten sie sich wegen der Trockenheit vielfach nicht fortgepflanzt. In vielen Gebieten Brandenburgs, etwa in Schorfheide oder Chorin, sowie in den Elbtalauen in Sachsen-Anhalt gebe es in diesem Jahr eine „katastrophale Reproduktionsrate“.
„Das heißt, die Verluste, die insgesamt in der Population vorhanden sind, die werden in diesem Jahr auf keinen Fall kompensiert werden können“, betont Nowald. Trotz der grundsätzlich besseren Bedingungen in Mecklenburg-Vorpommern gelte dies angesichts der fehlenden Brutpaare – auch wenn es nur ein Defizit von etwa fünf Prozent sei – ebenso für das Bundesland.
Hintergrund der Vogelgrippe und aktuelle Beobachtungen
Erstmals hatte im vergangenen Herbst die Vogelgrippe auf dem westeuropäischen Zugweg nachweislich zu massenhaften Infektionen bei Kranichen geführt. Schätzungen zufolge verendeten Zehntausende Tiere in Europa. Bei den in Deutschland verendeten Tieren lässt sich laut Nowald jedoch meist nicht feststellen, ob es sich um heimische Kraniche handelte oder um Vögel, die etwa aus Skandinavien oder dem Baltikum stammten und auf dem Weg in ihre südlichen Winterquartiere waren.
Vor einer Woche meldete die Gesellschaft Kranichschutz Deutschland, dass sich über 500 Kraniche an der vorpommerschen Küste sammelten. Da die Getreideernte in diesem Jahr früh begann, konnten zeitweise knapp 100 Kraniche gleichzeitig auf Stoppelfeldern bei ihrer „Nachlese“ beobachtet werden. Abends fliegen sie gemeinsam zu den Schlafplätzen in den flachen Boddengewässern.
Mitte November findet die jährliche Tagung der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland in Stralsund statt. Bis dahin werden laut Nowald die deutschlandweiten Daten zusammengetragen, um ein genaueres Bild der Lage zu erhalten.



