Bei neuen russischen Angriffen auf die Region Kyjiw sind nach Behördenangaben mindestens zwei Menschen getötet und dutzende weitere verletzt worden. Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten in der Nacht zum Mittwoch von mehreren heftigen Explosionen in der ukrainischen Hauptstadt. Nach Angaben der Militärverwaltung wurden Wohnhäuser und Lagerhallen beschädigt.
Angriffe auf zivile Infrastruktur
„Der Feind greift erneut gezielt Zivilisten und zivile Infrastruktur an“, erklärte die Militärverwaltung von Kyjiw im Onlinedienst Telegram. Eine Frau sei getötet und mindestens sieben Menschen seien verletzt worden. Durch die Angriffe seien in vier Stadtbezirken der Hauptstadt Brände ausgelöst worden. Ein weiterer Mensch kam nach Angaben der Regionalbehörden westlich der Hauptstadt im Bezirk Butscha ums Leben. Mehr als 20 Menschen seien im Umland von Kyjiw verletzt worden.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte die russische Armee erneut ballistische Raketen ein. Die Ukraine drängt bei ihren Verbündeten seit Monaten auf die Lieferung von weiteren US-Patriot-Raketen, um den eigenen Luftraum besser gegen russische Angriffe mit ballistischen Raketen schützen zu können.
Frankreich: Russische Desinformationskampagne aufgedeckt
Die Sicherheitsbehörden in Frankreich haben Hinweise auf eine Einmischung Russlands vor der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Wie die Nachrichtenagentur AFP am Dienstag aus Sicherheitskreisen erfuhr, wurde in der vergangenen Woche eine Desinformationskampagne aufgedeckt, die sich gegen den Linkspolitiker, Kreml-Kritiker und wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten Raphaël Glucksmann richtete. Die Kampagne ging auf das Propagandanetzwerk Storm-1516 zurück, das mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht wird.
„Die russischen Sicherheitsdienste haben ihre Operationen zur Destabilisierung des Wahlkampfs für 2027 begonnen“, schrieb Glucksmann selbst in Onlinenetzwerken. Die ihn betreffende, erfundene Geschichte sei auf einer Website erschienen, die das seriöse Onlinemedium Blast imitierte. Sie habe gefälschte Dokumente, mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) reproduzierte Stimmen und ein vollständig gefälschtes Video enthalten. „Das Ziel besteht darin, eine komplette Lüge viral gehen zu lassen, um Persönlichkeiten zu diffamieren, die vom russischen Regime als feindlich angesehen werden“, erklärte Glucksmann, der das Vorgehen Russlands in der Ukraine wiederholt scharf kritisiert hat.
Storm-1516 hatte im vergangenen Monat auch Ex-Premierminister Edouard Philippe ins Visier genommen, der ebenfalls bei der Präsidentschaftswahl antreten will. Dazu wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen in Onlinenetzwerken Falschinformationen über seinen Gesundheitszustand verbreitet.
Russische Reederei stoppt Aufträge nach Drohnenangriff
Der russische Logistik- und Schifffahrtskonzern Fesco nimmt nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf eines seiner Schiffe keine neuen Frachtaufträge für das Schwarze Meer mehr an. Die „Janina“ sei in der Nacht zum Samstag durch ukrainische Seedrohnen beschädigt worden und gesunken, teilt der staatliche russische Atomkonzern und Fesco-Eigentümer Rosatom mit.
Russische Streitkräfte greifen nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau drei Schiffe im ukrainischen Hafen Mykolajiw sowie ein weiteres im Schwarzen Meer vor Odessa an. Diese würden „im Interesse des ukrainischen Militärs“ genutzt, teilt das Ministerium mit. Im Hafen von Tschornomorsk attackieren russische Truppen demnach zudem ein Containerterminal und eine Lagerhalle für Drohnen und Drohnenteile.
Polen fängt russischen Aufklärer ab
Die polnische Luftwaffe hat nach Regierungsangaben bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Tage ein russisches Aufklärungsflugzeug über der Ostsee abgefangen. Der russische Aufklärer vom Typ Il-20 sei 56 Kilometer nordöstlich von Koszalin unterwegs gewesen, schrieb Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz auf der Nachrichtenplattform X. Dort hätten ihn zwei polnische Kampfjets abgefangen. Der polnische Luftraum sei nicht verletzt worden, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.
„Russland führt erneut provokative Aktionen in der Nähe der Grenzen der Nato-Staaten durch und testet damit die Wachsamkeit und Einsatzbereitschaft der Verteidigungssysteme des Bündnisses“, schrieb Kosiniak-Kamysz weiter. Bereits am Montag und am vergangenen Freitag war es zu ähnlichen Vorfällen mit russischen Aufklärern über der Ostsee gekommen.
Ukraine verurteilt Drohnenangriff auf Zivilisten
Ukrainische Behörden haben am Dienstag empört auf ein von der Polizei verbreitetes Video reagiert, das zeigt, wie ein Zivilist von einer Drohne verfolgt wird. In dem Video, dessen Echtheit die Nachrichtenagentur AFP zunächst nicht überprüfen konnte, ist zu sehen, wie ein Mann in der südukrainischen Stadt Cherson um einen Lastwagen rennt, um einer Drohne zu entkommen. Die Drohne folgt ihm und explodiert.
Der Regionalgouverneur von Cherson, Oleksandre Prokudin, veröffentlichte später ein Video des Mannes, wie er in einem Krankenhausbett liegt. Prokudins Angaben zufolge handelt es sich bei ihm um einen Gemüsehändler, der den Angriff „wie durch ein Wunder“ überlebt hat. Der Mann habe Splitterverletzungen und eine Gehirnerschütterung. „Wir hatten gerade begonnen, die Kisten herauszuholen. Meine Frau war auch dabei. Wir hörten ein Summen“, berichtet der Mann in dem Video. Er habe dem Piloten der ferngesteuerten Drohne zeigen wollen, dass er Gemüse transportierte und kein militärisches Gerät. „Ich habe angefangen zu laufen und bin gegen das Fahrzeug geprallt. Ich kam in die Flugbahn der Drohne, sie stieß gegen mich, ich stürzte“, sagte der Mann.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte russische Soldaten für den Vorfall verantwortlich und warf ihnen vor, „Freude daran zu haben, Zivilisten zu töten und zu misshandeln“. Die Einwohner von Cherson seien täglich „mit diesen russischen ‚Safaris‘ konfrontiert“, erklärte Selenskyj im Onlinedienst X.
Ukraine warnt vor Einbruch der Getreideexporte
Wegen der massiven russischen Angriffe auf ukrainische Schwarzmeerhäfen muss die Ukraine verstärkt auf alternative Exportrouten für ihr Getreide ausweichen. Diese dürften jedoch frühestens Ende August die erforderliche Kapazität erreichen und lediglich rund die Hälfte der bisherigen Ausfuhrmengen bewältigen, sagte der ukrainische Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Seit fast zwei Wochen seien keine Schiffe mehr in die Häfen rund um Odessa eingelaufen. Die direkten Verluste für den ukrainischen Agrarsektor könnten sich in diesem Jahr auf 1,5 bis drei Milliarden Dollar belaufen.
Russland hat den Beschuss von zivilen Schiffen und der Hafeninfrastruktur mit Raketen und Drohnen zuletzt deutlich verschärft. Allein im Juli verzeichnete das ukrainische Infrastrukturministerium 35 Angriffe auf Schiffe in Häfen und 22 auf offener See. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 waren es 14 Attacken. Die Regierung in Moskau spricht von Angriffen auf militärische Ziele.
Als wichtigste Ausweichroute für die Ukraine gilt nun der Schienenverkehr, da die Schifffahrt auf der Donau wegen historisch niedriger Wasserstände infolge einer Dürre vorerst stark eingeschränkt ist. Für die ukrainischen Landwirte bedeuten die alternativen Wege zusätzliche Kosten von 45 bis 50 Dollar pro Tonne.
Russischer Soldat tötet vier Menschen auf der Krim
Auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim hat ein russischer Soldat nach Behördenangaben mindestens vier Menschen erschossen. Er habe zuerst das Feuer auf Kameraden eröffnet und dabei einen Militärangehörigen getötet, teilte der von Moskau eingesetzte Gouverneur der Stadt Sewastopol, Michail Raswoschajew, bei Telegram mit. Anschließend habe der Soldat im Nachbardorf Chmelnizkoje drei Zivilisten umgebracht und drei weitere verletzt. Der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden. Zum Motiv der Tat wurde vorerst nichts bekanntgegeben. Bei den Opfern handele es sich um zwei Männer im Alter von 71 und 59 Jahren sowie eine 64-jährige Frau, erklärte Raswoschajew.
Saluschnyj: Nato-Beitritt unrealistisch
Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, sieht keine Aussicht auf einen Nato-Beitritt seines Landes. „Leider werden wir niemals wirklich beitreten“, wurde der jetzige Botschafter in Großbritannien am Montag vom Medium „Evropeiska Pravda“ zitiert. Er habe dies bei einem Treffen ukrainischer Botschafter gesagt. „Ich kenne die Nato sehr gut. Etwa zwölf Jahre lang habe ich persönlich daran gearbeitet, sicherzustellen, dass wir die Nato-Standards erfüllen, und jedes Jahr habe ich Märchen darüber gehört, wie wir jeden Tag der Nato beitreten würden.“
Saluschnyj begründete seine Einschätzung damit, dass die Ukraine die militärischen Standards für einen Beitritt in keiner Weise erfülle. Es sei „unmöglich, mit dem Entwicklungsstand der ukrainischen Streitkräfte (...) einer Organisation beizutreten, die sich von Doktrinen des Zweiten Weltkriegs leiten lässt“. Dem Land fehle die Technologie, die in den Nato-Mitgliedstaaten bereits im Einsatz sei, darunter Raketenabwehr und Weltraumfähigkeiten.
Das strategische Ziel der Mitgliedschaft in der Nato und der Europäischen Union ist in der ukrainischen Verfassung verankert. Saluschnyj war 2024 wegen Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Wolodymyr Selenskyj über die Kriegsführung gegen Russland als Oberbefehlshaber entlassen worden. Meinungsumfragen zum Vertrauen der Wähler sehen ihn etwa auf Augenhöhe mit Selenskyj.



