Feinstaub aus der Sahara nimmt zu
Die Belastung mit Feinstaub aus der Sahara hat in weiten Teilen Europas zugenommen. Besonders betroffen ist Südeuropa, vor allem Italien, die Adriaregion und die Ägäis. Ein internationales Forschungsteam um Petros Vasilakos und Kaspar Dällenbach vom Paul Scherrer Institut (PSI) in der Schweiz veröffentlichte die Ergebnisse im Fachjournal „Nature“. Als Ursachen sehen die Forscher die Ausbreitung von Wüsten in Nordafrika sowie veränderte Luftströmungen.
Der feine Saharastaub ist auch in Deutschland bekannt, wo er die Luft gelblich färbt. Grundsätzlich hat Staub eine wichtige Funktion für Klima und Ökologie: Er beeinflusst die Sonneneinstrahlung, dient als Kondensationskern bei der Wolkenbildung und verteilt Nährstoffe wie Eisen. Gleichzeitig kann Feinstaub die Luftqualität verschlechtern und gesundheitliche Schäden verursachen, etwa Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen wie Asthma.
Chemische Analyse klärt Herkunft
Frühere Studien deuteten bereits auf eine Zunahme von Saharastaub in Europa hin, ein genaues Bild fehlte jedoch. Das Team wertete über 18.000 Feinstaubmessungen von mehr als 100 Standorten in Europa zwischen 2012 und 2021 aus und erstellte mit Hilfe künstlicher Intelligenz ein Modell. Die Forscher konzentrierten sich auf Metalle wie Aluminium, Titan, Silizium, Calcium und Eisen. Besonders Aluminium und Titan sind typisch für Wüstenstaub und stammen weniger aus anderen Quellen wie Verkehr oder Bauarbeiten. „Durch chemische Analysen können wir die Herkunft des bodennahen Feinstaubs sehr gut bestimmen“, sagte Erstautor Vasilakos in einer PSI-Mitteilung.
Deutlicher Anstieg in Südeuropa
Im untersuchten Jahrzehnt stieg die Feinstaubmenge in den meisten Teilen Europas an, besonders in Südeuropa, wo die Werte etwa 2,5-mal höher waren als im Rest des Kontinents. Die täglichen Wüstenstaubwerte für PM10 (Partikel unter 10 Mikrometer Durchmesser) lagen in Nord- und Mitteleuropa bei durchschnittlich knapp 2,1 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Südeuropa bei fast 5,3 Mikrogramm. Die Staubmenge nahm um etwa 0,5 Mikrogramm pro Kubikmeter zu, in Italien, der Ägäis und im Adriaraum sogar um gut 0,7 Mikrogramm. „Das entspricht einer Zunahme von 10 bis 25 Prozent dieser Staubbelastung“, sagte Studienleiter Dällenbach. „Sowohl für die Effizienz und Wirtschaftlichkeit großer Solaranlagen als auch hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen erhöhter Feinstaubbelastung ist das nicht zu vernachlässigen.“
Intensivere Stürme, nicht mehr Stürme
Die Anzahl der Stürme, die Wüstenstaub nach Europa transportieren, hat sich nicht erhöht, aber sie sind intensiver geworden. „Sie sind im Verlauf der betrachteten zehn Jahre intensiver geworden und transportieren dadurch heute mehr Staub nach Europa als früher“, erklärte Vasilakos. In Südeuropa gab es pro Jahr etwa 46 Tage mit hohen Staubwerten um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. An diesen Tagen stieg die Konzentration in der Adria, der Ägäis und Teilen des Balkans um 1,4 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Süditalien sogar um 2,7 Mikrogramm.
Gesundheitliche Folgen
Die Forscher schätzten aus epidemiologischen Daten die kurzfristigen gesundheitlichen Auswirkungen ab: Die Mortalität – etwa durch Herzinfarkte und Atemprobleme – steigt demnach um 0,67 Prozent. Die Hospitalisierungsrate aufgrund von Atemwegsbeschwerden nimmt bei Menschen ab 15 Jahren um 0,73 Prozent zu, bei jüngeren jedoch um knapp 2,5 Prozent. Dies unterstreiche die Folgen für vulnerable Bevölkerungsgruppen.
Zunahme seit 150 Jahren
Analysen von drei Eisbohrkernen aus dem Monte-Rosa-Massiv an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz ergaben, dass die Ablagerung von Saharastaub in den Alpen seit etwa 150 Jahren um 110 Prozent zugenommen hat und sich damit mehr als verdoppelt hat.
Rolle des Klimawandels
Ursache für den Trend sind die zunehmende Austrocknung der Sahara und vermehrte Luftströmungen aus dieser Region nach Europa. „Inwieweit der menschengemachte Klimawandel diese Entwicklung mitverursacht hat und ob er sie weiter verstärkt, ist noch nicht abschließend geklärt“, sagte Dällenbach. „Unser derzeitiges Verständnis legt jedoch nahe, dass die Zunahme des Wüstenstaubs durch die Treibhausgasemissionen des Menschen und die damit verbundene Klimaerwärmung zumindest begünstigt wird. Dadurch wird es in bestimmten Regionen trockener und die Wüsten breiten sich aus.“



