Ein BILD-Reporter buchte für 299 Euro ein Einzelabteil im Nightjet NJ 408 von Berlin nach Zürich – die erste Nachtzugfahrt nach 47 Jahren. Das Ergebnis: nur 82 Minuten Schlaf laut Apple Watch, ein Abteil so eng wie eine Sardinenbüchse und eine Nacht voller Ruckler und Geräusche. „Die Erinnerung an damals ist deutlich schöner als die Realität von heute“, so der Journalist.
Ein Abteil wie aus dem Museum
Schon beim Betreten des von der ÖBB betriebenen Wagens wird klar: Hier ist kein moderner Komfort zu erwarten. Das Einzelabteil wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Eisenbahnzeiten, nicht wie ein Premium-Produkt für fast 300 Euro. Das Abteil ist eigentlich für zwei Passagiere ausgelegt, doch selbst für einen allein ist es kaum erträglich. Eine richtige Sitzbank fehlt; der Reisende muss auf dem Bett Platz nehmen und versuchen, es sich irgendwie bequem zu machen – vergeblich.
Schlaflos in der Nacht
Das Bett ist so hart wie ein Holzbrett, die Beckenknochen melden sich nach kurzer Zeit. Dazu kommt das ständige Wackeln: Ruckler, Stöße und das rhythmische Schaukeln über Weichen, verstärkt durch die Lage des Abteils direkt über der Achse. Zusätzlich liegt das Abteil neben dem Dienstabteil der Zugbegleiterin. Diese ist zwar ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, doch akustisch ist es eine Qual: Gläser klappern, Schranktüren schlagen, Geschirr wird ein- und ausgeräumt. Die Apple Watch dokumentiert am Morgen unbestechlich nur eine Stunde und 22 Minuten Schlaf nach über zwölf Stunden im Zug.
Winziges WC und andere Widrigkeiten
Auch der Gang zur Toilette wird zum Erlebnis: Das WC ist so klein, dass man sich kaum umdrehen kann – enger als in einem Flugzeug. Menschen mit Platzangst dürften dort keine Minute länger bleiben als nötig. Der kostenlose Piccolo zur Begrüßung und ein Tetra Pak Wasser sind zwar nette Gesten, können das grundlegende Unbehagen aber nicht aufwiegen.
Lichtblicke: Wein und Frühstück
Positiv überrascht zeigt sich der Reporter vom Wein: Ein Grüner Veltliner von Bründlmayer (0,375 Liter für 11,50 Euro) ist ordentlich und macht das Elend erträglicher. Auch das Frühstück fällt besser aus als erwartet: Zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Streichkäse und Kaffee – kein kulinarischer Höhenflug, aber völlig in Ordnung und im Reisepreis enthalten.
Pünktlich, aber zerstört
Die größte Überraschung: Der Zug war auf die Minute pünktlich, fast schon respektabel angesichts der üblichen Verspätungen. Doch Pünktlichkeit hilft wenig, wenn man sich bei der Ankunft fühlt, als hätte man die Nacht auf einer laufenden Waschmaschine verbracht. In Zürich angekommen, war der Reporter völlig gerädert – der Tag praktisch verloren, bevor er begann. Sein Fazit: Zugbegleiterin großartig, Wein gut, Frühstück ordentlich, Pünktlichkeit vorbildlich. Aber wer in diesem Schlafwagen wirklich schlafen will, muss entweder ein Meister der Entspannung sein oder Schlaftabletten dabeihaben.



