Gracie Abrams, die mit ihren Songs über das Erwachsensein weltberühmt wurde, widmet sich auf ihrem neuen Album „Daughter from Hell“ dem Tochterdasein. In einem Interview mit dem SPIEGEL spricht die Sängerin über die besondere Verantwortung und Arbeitslast, die Frauen tragen, und darüber, wie weibliche Wut in großen Gruppen eine besondere Wucht entfaltet.
Die ungesehene Last der Frauen
„Frauen sind mit einer Verantwortung und Arbeitslast behaftet, die oft nicht gewürdigt oder sogar gar nicht bemerkt wird“, sagt Abrams. Diese Erfahrung spiegelt sich in ihrem neuen Album wider, das die komplexen Dynamiken zwischen Müttern und Töchtern erkundet. Die 26-jährige Künstlerin betont, dass viele Frauen täglich unsichtbare Arbeit leisten, die in der Gesellschaft selten anerkannt werde.
Das Album „Daughter from Hell“ erscheint am 11. Juli 2026 und trägt den provokativen Titel, den Abrams als „ironische Selbstbefragung“ beschreibt. Sie wolle damit die Erwartungen und Vorurteile thematisieren, die an Töchter gestellt werden. „Es geht nicht darum, wirklich eine Tochter aus der Hölle zu sein, sondern darum, wie schnell Frauen als schwierig oder rebellisch abgestempelt werden, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse äußern“, erklärt sie.
Weibliche Wut als kollektive Kraft
Ein zentrales Thema des Albums ist die weibliche Wut. Abrams betont: „Weibliche Wut entfaltet eine besondere Wucht, wenn man sie gemeinsam in einer großen Gruppe erlebt.“ Sie verweist auf Konzerte und Proteste, bei denen Frauen gemeinsam ihre Emotionen ausdrücken. Diese kollektive Energie sei befreiend und könne gesellschaftliche Veränderungen anstoßen.
Die Sängerin, die mit introspektiven Texten bekannt wurde, sagt, dass Wut oft als unangemessen für Frauen angesehen werde. „Wir lernen früh, unsere Wut zu unterdrücken. Aber sie ist ein legitimes Gefühl, das Raum verdient.“ Auf dem Album verarbeitet sie persönliche Erfahrungen und beobachtet, wie Frauen in ihrem Umfeld mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen.
Vom Erwachsensein zur Tochterrolle
Nachdem Abrams mit Songs über das Erwachsensein und junge Liebe Erfolge feierte, markiert „Daughter from Hell“ eine thematische Weiterentwicklung. „Das Tochterdasein ist eine Rolle, die wir unser ganzes Leben lang spielen, unabhängig vom Alter“, sagt sie. Das Album untersucht die Beziehung zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, und die Erwartungen, die an sie als Tochter gestellt wurden.
Die Musikerin, die in Los Angeles lebt, arbeitete für das Album mit Produzenten wie Aaron Dessner und Blake Slatkin zusammen. Der Sound sei „roher und emotionaler“ als ihre früheren Werke, so Abrams. Sie verwendet bewusst musikalische Elemente, die die Wut und Verletzlichkeit unterstreichen.
Reaktionen und Ausblick
Bereits vor der Veröffentlichung sorgte das Album für Aufsehen. Fans und Kritiker loben die Ehrlichkeit und Tiefe der Texte. Abrams hofft, dass ihre Musik andere Frauen ermutigt, ihre eigenen Gefühle zu akzeptieren. „Wenn nur eine Person sich nach dem Hören meines Albums weniger allein fühlt, dann hat es seinen Zweck erfüllt“, sagt sie.
Das Interview mit dem SPIEGEL, geführt von Annina Metz, ist Teil der Ausgabe 29/2026. Abrams plant eine Tournee durch Europa und Nordamerika, um das Album live zu präsentieren. Die Konzerte sollen „eine sichere Umgebung für kollektive Emotionen“ schaffen, wie sie ankündigt.



