Beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt am Wochenende hat Tino Chrupalla eine herbe Niederlage bei seiner Wiederwahl als Co-Parteichef erlitten. Mit knapp 70 Prozent der Delegiertenstimmen lag er deutlich hinter Alice Weidel, die auf über 81 Prozent kam. Noch vor zwei Jahren in Essen hatte Chrupalla mit 83 Prozent vor Weidel (80 Prozent) gelegen. Der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke spricht von einem „Anfang vom Ende“ für Chrupalla.
Chrupalla zeigt sich trotzig: „2:1-Sieg“
In den „Tagesthemen“ äußerte sich Chrupalla zu den Stimmverlusten mit Fußballmetaphern: „Man kann ja nicht immer 3:0 oder 2:0 gewinnen. Diesmal war es ein 2:1-Sieg. Andere fliegen im Elfmeterschießen raus.“ Er sei zufrieden, dass ihn zwei Drittel der Delegierten gewählt hätten: „Das motiviert mich für die nächsten zwei Jahre.“ Zugleich deutete er interne Kritik an: Ein solches Ergebnis sei normal, wenn man als Vorsitzender auch „intern Dinge anspricht, die vielleicht nicht jedem passen mögen“. Beobachter sehen darin eine Anspielung auf seine Kritik an Vetternwirtschaft in der Partei, nachdem bekannt geworden war, dass mehrere AfD-Abgeordnete Verwandte anstellten.
Politikwissenschaftler: Strafaktion und taktische Allianz
Lembcke sieht in Chrupallas Kritik an der Vetternwirtschaft nicht die Hauptursache für die Schlappe, da auch Weidel diese Praxis kritisierte. Stattdessen vermutet er eine Strafaktion des Weidel-Lagers: Es bestehe der Verdacht, Chrupalla habe beim vorherigen Parteitag in Essen eine Nein-Stimmen-Kampagne gegen Weidel initiiert. „Diese Aktion schrie nach Rache – und Weidel zieht so etwas nach meiner Einschätzung auch durch“, sagt Lembcke. Allerdings habe Chrupalla von den bevorstehenden Landtagswahlen im Osten profitiert: „Anderenfalls hätte er eine noch deutlichere Klatsche bekommen können. Man wollte nicht denjenigen, den man mit dem Osten verbindet, zwei Monate vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin abstrafen.“
Höcke als eigentlicher Sieger
Lembcke bezeichnet Björn Höcke als den eigentlichen Gewinner des Parteitags. „Weidel hätte nicht dieses Standing, wenn sie nicht eine taktische Allianz mit Höcke hätte.“ Zusammen hätten sie ihre Mannschaft zu 100 Prozent in den Bundesvorstand gebracht. Mit Sven Tritschler setzte sich eine Vertrauensperson Weidels durch, während Katrin Ebner-Steiner, Hannes Gnauck und Stefan Möller klare Siege Höckes seien. Höcke könne nun „vom schönen Thüringen aus den Bundesvorstand in seinem Sinne beeinflussen“. Der Thüringer Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Normalisierung radikaler Positionen
Für Lembcke zeigt das Ergebnis die Normalisierung der radikalen Positionen: „Man sieht, wie abhängig Weidel vom radikalen Flügel ist. Sie ist das Design, Höcke steht für die Inhalte.“ Als Beispiel nennt er Weidels Wandel beim Begriff „Remigration“: Nach dem Treffen radikaler Rechter in Potsdam ging sie zunächst auf Distanz, heute sei davon nichts übrig. Lembcke hält es für möglich, dass die AfD bis zur Bundestagswahl 2029 von der Doppelspitze abrückt. Sollte es einen AfD-Ministerpräsidenten in den neuen Ländern geben, stelle sich die Frage, ob man Chrupalla als ostdeutsche Identifikationsfigur noch brauche. „Der Parteitag hatte etwas von einem Anfang vom Ende für ihn“, bilanziert der Experte.
Chrupallas Stellung in der Partei
Lembcke betont, dass Chrupalla von Anfang an mit der Frage nach seiner Eignung als Parteiführer zu kämpfen hatte. „Weidel war immer die Nummer eins, und Chrupalla die Nummer zwei. Ihr traut man es zu, sie zu führen, Chrupalla nur in Grenzen.“ In der AfD kursiere der Spruch: „Sie spricht sogar Mandarin, er nicht mal Englisch.“ Nach diesem Parteitag dürfte Chrupalla klar sein, dass sein Platz hinter Weidel ist.



