Die AfD in Sachsen-Anhalt plant, die Schulpflicht zu lockern und Homeschooling als Alternative zur Regelschule einzuführen. Unter dem Motto „Bildungspflicht statt Schulzwang“ schlägt die Partei in ihrem Regierungsprogramm für die Landtagswahl am 6. September vor, Eltern die Wahl zwischen Schul- und Hausunterricht zu lassen. Laut Umfragen liegt die rechtsradikale Partei bei 42 Prozent und könnte eine Alleinregierung bilden.
Das Modell: Anlehnung an Österreich
Das Konzept sieht vor, dass Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, halbjährlich zentrale Prüfungen ablegen müssen. Bei Nichtbestehen droht die Rückkehr an die Schule. Dies orientiert sich am österreichischen Modell, wo Homeschooling unter bestimmten Auflagen erlaubt ist. In Deutschland ist regulärer Hausunterricht bislang in keinem Bundesland gestattet. Die Schulpflicht ist in allen Landesverfassungen verankert, in Sachsen-Anhalt sogar im Grundgesetz auf Landesebene.
Rechtliche Hürden: Kaum realisierbar
Bildungsjurist Michael Wrase vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) betont, dass selbst eine absolute AfD-Mehrheit nicht ausreicht, um die Landesverfassung zu ändern. Dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit nötig. „Die Forderung ist eher symbolisch“, so Wrase. Dennoch sei die Debatte aufgeladen, da sie grundlegende Werte wie Elternrecht, Kinderrecht und staatliche Kontrolle berühre.
Emotionale Debatte: Zwischen Freiheit und Kontrolle
Der Soziologe Thomas Spiegler von der Theologischen Hochschule Friedensau, einer der wenigen deutschen Homeschooling-Forscher, erklärt: „Die Debatte wird international normativ geführt.“ Es gehe schnell um grundsätzliche Fragen: Wie weit reicht das Elternrecht? Wo beginnt das Recht des Kindes auf Entwicklung außerhalb der Familie? Und welche Rolle spielt der Staat bei der Erziehung zu demokratischen Bürgern? Spiegler verweist auf internationale Erfahrungen: „Manche Gerichtsurteile klangen fast so, als bedeute Homeschooling den Untergang der Zivilisation.“ Dabei gebe es Belege, dass Bildung außerhalb der Schule gelingen könne.
Warnungen vor Parallelwelten
Wrase argumentiert verfassungsrechtlich: Die Schule habe nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern solle auch verhindern, dass Parallelwelten entstehen. „Für optionales Homeschooling gibt es keine guten Argumente“, sagt er. Die größten Unterstützer fänden sich bei religiösen oder weltanschaulichen Randgruppen – also genau denen, die Integration in die Regelschule am nötigsten hätten. Der Philologenverband betont, die Schulpflicht sei „kein überholtes Relikt“, sondern Voraussetzung für Bildungschancen und demokratische Teilhabe. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt vor einer Schwächung staatlicher Verantwortung und Freiräumen für demokratiefeindliche Haltungen.
Internationale Vergleiche: Unterschiedliche Modelle
Die Lage in Europa ist uneinheitlich: England erlaubt „elective home education“ weitgehend, Frankreich hat Familienunterricht seit 2022 eingeschränkt, die Niederlande kennen Ausnahmen in Sonderfällen. Spiegler beobachtet, dass in Europa eher rechtsnationalistische Parteien Homeschooling befürworten. In Großbritannien oder Tschechien gebe es jedoch nicht denselben Links-Rechts-Gegensatz wie in Deutschland. Die AfD beruft sich auf österreichische Daten, die laut Spiegler nicht repräsentativ seien: Der Anteil der Homeschooling-Kinder, die durch die jährliche Prüfung fallen, sei kaum höher als die Sitzenbleiberquote im regulären System, aber die Stichprobe sei verzerrt, da nur engagierte Eltern ihre Kinder anmelden.
US-Erfahrungen: Keine klare Orientierung
Selbst ein Blick in die USA, wo Homeschooling seit den 1970er Jahren verbreitet ist, hilft nicht weiter. Robert Kunzman, Erziehungswissenschaftler an der Indiana University, sagt: „Wir haben kein wirklich belastbares Gesamtbild der Zahlen.“ Nach der Pandemie sei der Anteil auf sechs bis sieben Prozent der Schulkinder gestiegen. Aber was als Homeschooling zähle, sei zunehmend umstritten. Mehr als die Hälfte der Homeschooler besuche Kurse außerhalb des Elternhauses, weniger als die Hälfte lerne die gesamte Schullaufbahn zu Hause. Die Bewegungen – von konservativen Christen bis zu linken Anti-Institutionellen – stellten die Familie ins Zentrum, seien aber politisch heterogen.
AfD-Programm: Mehr als nur Bildung
Für Wrase sind Ausnahmen von der Schulpflicht unter strikten Bedingungen nicht automatisch verfassungswidrig. „Wollte eine demokratische Koalition dies in Einzelfällen zulassen, würde ich das nicht hochproblematisch finden.“ Doch die AfD fordere keinen eng begrenzten Ausnahmetatbestand. Ihr Programm umfasse auch die Abschaffung der Demokratiebildung, Stärkung des Russischunterrichts samt Austausch mit russischen Schulen, Heilpflanzenpädagogik und Patriotismuserziehung. Vor diesem Hintergrund wirke die Homeschooling-Forderung wie ein weiterer Baustein, um die Institution Schule zu schwächen und weltanschauliche Randgruppen zu stärken. „Das ist eine Nebelkerze“, so Wrase.



