Berlin erlebt das größte Pride-Wochenende seiner Geschichte. Erstmals findet der Christopher Street Day (CSD) an zwei Tagen statt. Am Freitag startete der erste Berliner Drag March, der vom Bundestag zum Brandenburger Tor führte. Begleitet wurde er von der Blaskapelle Transophonix, die das historische „Lila Lied“ aus dem Jahr 1920 spielte. Die Teilnehmerzahl war überschaubar: Während die Polizei von etwa 500 Menschen sprach, schätzte ein Tagesspiegel-Reporter die Menge auf maximal 100.
Dyke*March sammelt sich vor dem Roten Rathaus
Parallel zum Drag March fand der lesbische Dyke*March statt, der sich am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus versammelte. Die Veranstalterinnen verlasen die Auflagen der Polizei, darunter ein Verbot von Kennzeichen terroristischer Organisationen wie der Hamas. Die Teilnehmerzahl wurde von der Polizei auf etwa 450 geschätzt, während vor Ort von 1500 bis 2000 Personen ausgegangen wurde. Flaggen des palästinasolidarischen „internationalistischen Blocks“ waren zunächst nicht zu sehen.
Höhepunkte des Bühnenprogramms am Brandenburger Tor
Am Brandenburger Tor erwartete die Besucher ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Überraschungsgast war die Berliner Rapperin Ikkimel, deren Auftritt bis Donnerstagmittag geheim geblieben war. Sie begeisterte das Publikum ebenso wie der Newcomer Baran Kok, der als erster kurdisch-offen schwuler Rapper in Deutschland gilt. Leni, eine Besucherin aus Köln, sagte: „Ich bin heute hier wegen Ikkimel und Baran Kok – und um für Toleranz einzustehen.“
Senatsverwaltung distanziert sich von Dossier zu queerem Antisemitismus
Im Vorfeld des CSD sorgte ein internes Dossier der SPD-geführten Senatsverwaltung für Antidiskriminierung für Aufsehen. Das für 10.000 Euro erstellte Papier über Antisemitismus in der queeren Community wurde von der politischen Hausspitze zurückgehalten. Die Senatsverwaltung will nun nichts mehr mit dem Dossier zu tun haben. Kritiker werfen der Behörde vor, unangenehme Ergebnisse zu unterdrücken.
BSR im Großeinsatz: 150 Beschäftigte und 60 Fahrzeuge
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) bereitet sich auf einen Großeinsatz vor. 150 Beschäftigte und 60 Fahrzeuge werden am Samstag im Einsatz sein, um die Hinterlassenschaften der Demonstration zu beseitigen. Im Jahr 2025 sammelte die BSR rund 120 Kubikmeter Abfall auf dem CSD – ein rückläufiger Trend: 2022 waren es noch 360 Kubikmeter, 2023 etwa 240 und 2024 rund 160 Kubikmeter. Unter dem Motto „Pfandtastisch“ können Teilnehmer Pfandflaschen an Sammelstellen am Potsdamer Platz, Nollendorfplatz und an der Urania abgeben; die Erlöse gehen an gemeinnützige Einrichtungen.
Wetterglück: Sonnenschein und milde Temperaturen
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) prognostiziert für das Pride-Wochenende ideales Wetter. Am Freitag scheint die Sonne bei Höchstwerten von 22 bis 24 Grad, am Samstag werden sogar 27 bis 29 Grad erwartet – beides ohne Regen. Die CSD-Veranstalter dürften sich über diese Bedingungen freuen.
BVG zeigt Flagge: Alexanderplatz wird zu „Alex (m/w/d/x)“
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) unterstützen die Pride mit einer besonderen Aktion: Sie benannten die Haltestelle Alexanderplatz in die genderneutrale Kurzform „Alex (m/w/d/x)“ um und schmückten den Eingang mit der Progress-Flagge, die neben den Regenbogenfarben auch Symbole für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen, People of Colour und Opfer von Aids enthält. Auf Instagram postete die BVG: „Ob er oder sie oder alle anderen: bei uns ist Platz für alle. Happy Pride!“
Verkehrseinschränkungen: S-Bahn gesperrt
Von Freitagabend 22 Uhr bis Montagfrüh 1.30 Uhr ist die S-Bahn-Innenstadtstrecke zwischen Friedrichstraße und Zoologischem Garten gesperrt. Betroffen sind die Linien S3, S5, S7 und S9. Ein Ersatzverkehr mit Bussen wird eingerichtet. Auch der Regionalverkehr ist betroffen: RE1, RE2 und RE7 fahren nicht zwischen Ostbahnhof und Charlottenburg. Die BVG empfiehlt, auf Ringbahn, S15 sowie U2 und U5 auszuweichen. Der CSD warnt, dass die U-Bahnen voller werden könnten als in den Vorjahren.
Queere Kunst und Kultur in den Außenbezirken
Neben den zentralen Veranstaltungen gibt es auch in den Außenbezirken Berlins zahlreiche queere Angebote. Die Bezirksnewsletter des Tagesspiegels haben zwölf Insidertipps zusammengestellt – vom queerfeministischen Lesekreis in Lichtenberg bis zur Schwulenkneipe in Spandau. Ein Besuch lohnt sich auch für diejenigen, die abseits der großen Bühnen feiern wollen.



