Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat sich angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse im Osten Deutschlands für eine Abkehr von der sogenannten Brandmauer gegenüber der AfD ausgesprochen. „Wer noch über Brandmauern redet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wir müssen mit jedem reden, der reden will“, sagte Kretschmer dem „Handelsblatt“.
Kritik an CDU-Kurs und Merz
Der Begriff der Brandmauer steht für die Positionierung der etablierten Parteien, nicht mit der AfD zu kooperieren. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte erst vor einer Woche bei seiner Sommerpressekonferenz bekräftigt, die CDU werde nicht mit AfD und Linke zusammenarbeiten. „Wir haben hier klare Parteitagsbeschlüsse, und ich habe keinen Anlass daran zu zweifeln, dass wir die einhalten“, sagte Merz. Die Frage, was geschieht, wenn es ohne die Linke nicht reicht für eine Mehrheit jenseits der AfD, ließ er offen. Ein solches Szenario ist in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sehr wahrscheinlich, wo im September Landtagswahlen anstehen.
Kretschmers Minderheitsregierung und Konsultationsmechanismus
Kretschmer, der auch stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender ist, regiert in Sachsen mit einer Minderheitsregierung – ebenso wie Mario Voigt (CDU) in Thüringen. Im sächsischen Landtag hat Kretschmer einen „Konsultationsmechanismus“ etabliert, der allen Fraktionen offensteht. „Die AfD ist die einzige Fraktion, die von vornherein gesagt hat: Wir beteiligen uns nicht“, sagte er. Sie setze darauf, dass die Regierung scheitere. „Eine Partei wie die AfD schadet dem Land.“
Wirtschaftspolitische Kritik an der Bundesregierung
Kretschmer forderte die Bundesregierung zudem auf, mehr gegen die Wirtschaftskrise zu tun. „Das Land geht einen katastrophalen Weg“, erklärte der Ministerpräsident. Das Reformpaket der schwarz-roten Koalition sei gut, reiche aber nicht aus. „Durch Kürzungen im Sozialbereich bringen wir Deutschland nicht auf Wachstumskurs.“ Derzeit passe man die Ausgaben den Einnahmen an. „Aber eine passive Sanierung führt nicht zu Wachstum“, sagte Kretschmer.
Forderung nach weniger Bürokratie
Wachstum entstehe durch Freiheit, so Kretschmer. Er forderte weniger Regulierung. „Handwerker und Selbstständige sind unglaublich frustriert, weil Bürokratie und Abgaben sie erdrücken“, sagte er. Bis heute gebe es keine nennenswerte Verbesserung beim Bürokratieabbau. Die Menschen müssten endlich erleben, dass sich etwas ändere. „Die Bundesregierung muss endlich Tempo machen. Ansonsten sehe ich bei der nächsten Bundestagswahl schwarz.“



