Hintergrund der Tat
Bei einem Autoangriff im Berliner Tiergarten am Rande des Christopher Street Day (CSD) kam eine Frau ums Leben, 29 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter, ein 21-jähriger deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft, wurde am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz getötet. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) teilte mit, die Behörden gingen von einem islamistischen Terroranschlag aus.
Politische Reaktionen
Bundeskanzler Friedrich Merz schrieb auf X: „Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft.“ Die Berliner AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker forderte: „Schützt die Berliner vor gewaltbereiten Islamisten“ und machte eine angeblich „katastrophale Migrationspolitik“ sowie einen „Kuschelkurs“ verantwortlich. CDU-Innenpolitiker Günter Krings verlangte in der „Rheinischen Post“ härtere Strafen für islamistische Attentäter und strengere Einbürgerungsregeln. Sein Parteikollege Alexander Throm sagte dem „Tagesspiegel“, alle in Arbeit befindlichen Sicherheitsgesetze müssten nach der Sommerpause verabschiedet werden.
Radikalisierungsweg des Täters
Abdul B. wurde 2005 in Berlin geboren, nachdem seine Mutter libanesischer Herkunft 2002 eingebürgert worden war. Laut Generalstaatsanwaltschaft veröffentlichte er 2024 auf Instagram verbotene IS-Propaganda und versuchte 2025 mehrfach, sich im Ausland der Terrormiliz anzuschließen. Im Juli 2025 wurde er im Libanon festgenommen und saß drei Monate in Haft. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland am 17. November 2025 nahm die Polizei ihn am Flughafen BER erneut fest. Im Mai 2026 verurteilte ein Gericht ihn zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Der Haftbefehl wurde aufgehoben, „da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellt“. Die Generalstaatsanwaltschaft legte Berufung ein. Anfang dieses Monats durchsuchten Ermittler seine Wohnung in Berlin-Schöneberg wegen eines Verdachts auf Waffengesetzverstoß – fanden jedoch nur eine Spielzeugwaffe.
Terrorismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung erklärte der Deutschen Presse-Agentur, Radikalisierung finde zunehmend im Internet statt. „Grundsätzlich würde ich sagen, sehen wir vor allem beim Islamismus als auch beim Rechtsextremismus, dass die digitale Komponente immer weiter zugenommen hat.“ Soziale Netzwerke spielten eine wichtige Rolle; junge Leute sähen immer dieselben Inhalte und seien in ihrer von Algorithmen beeinflussten Bubble gefangen.
Auswirkungen auf Wahlen
Der Anschlag ereignet sich mitten in Wahlkämpfen: In Berlin wird im September das Abgeordnetenhaus gewählt, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls in wenigen Wochen. Die Studie „Terrorism and Voting: The Rise of Right-Wing Populism in Germany“ von 2025 der Universität Frankfurt untersuchte Anschläge in den Jahren 2010 bis 2016. Ergebnis: „Dort, wo die Anschläge erfolgreich waren, steigt der AfD-Stimmenanteil bei Landtagswahlen um rund sechs Prozentpunkte.“ Drei Mechanismen wirkten zugunsten der AfD: steigende Mobilisierung, Verschiebung der Migrationsansichten und lokale Medienberichterstattung über Islamismus. In Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lag die AfD bereits vor dem Anschlag in Umfragen vorn.
Historische Vergleiche
Nach dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016 wurden Befugnisse der Sicherheitsbehörden erweitert. Dennoch folgt aus jeder neuen Tat eine neue Debatte. Der Messerangriff eines psychisch kranken Afghanen in Aschaffenburg am 22. Januar 2025 – bei dem ein marokkanisches Kleinkind und ein deutscher Mann starben – drehte den Bundestagswahlkampf. Oppositionsführer Merz kündigte eine härtere Migrationslinie an und nahm eine Mehrheit mit der AfD in Kauf, was linke Gegendemonstrationen auslöste. Bereits im Mai 2024 tötete ein afghanischer Angreifer in Mannheim den Polizisten Rouven Laur und verletzte fünf weitere – wenige Tage vor der Europawahl.
Langfristige Folgen
Das baden-württembergische Amt für Verfassungsschutz analysiert: „Die Auswirkungen von Terrorismus auf politische Abläufe sind vielfältig.“ Die Debattenkultur werde aggressiver, insbesondere mit Blick auf Migration. „Am Ende verankert sich in Teilen der Zivilgesellschaft das Bild des Migranten als Feind und Bedrohung für deutsche Staatsbürger.“ Angstgefühle gehörten zu den langfristigen Folgen von Terrorismus und könnten kurzfristig „sicher geglaubte Wahlausgänge kippen“.



