FIFA-Ethikbeschwerde: McGeehan kritisiert DFB-Reaktion als beschämend
FIFA-Ethikbeschwerde: McGeehan kritisiert DFB scharf

FIFA-Ethikbeschwerde: McGeehan kritisiert DFB-Reaktion als beschämend

Wegen seiner Annäherung an US-Präsident Donald Trump steht FIFA-Präsident Gianni Infantino vor der Fußball-Weltmeisterschaft in der Kritik. Nicholas McGeehan, dessen Organisation FairSquare eine Beschwerde gegen den Weltverbandschef bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht hat, äußert sich im Interview zum Stand des Verfahrens, zur politischen Dimension von Infantinos Kurs, zu Risiken für die WM und zur Verantwortung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Die Beschwerde gegen Infantino

McGeehan erklärt, dass die Beschwerde zwei Hauptziele verfolgte: Erstens sollten die schwerwiegenden und offensichtlichen Verstöße gegen die Regeln zur politischen Neutralität dokumentiert werden. Vier Fälle, in denen Infantino die politische Agenda von Präsident Trump unterstützt hat, wurden festgehalten. Zweitens sollte das Verfahren zur Verleihung des FIFA-Friedenspreises an Trump untersucht werden. Alle Beweise deuten darauf hin, dass Infantino die Entscheidungen allein und ohne das Council getroffen hat. Zudem wollte die Organisation den Rechenschaftsmechanismus der Ethikkommission testen – einen der wenigen FIFA-Mechanismen mit offenem Zugang – und sehen, wie diese auf eine fundierte, dokumentierte Beschwerde gegen den Präsidenten reagiert.

Reaktion der Ethikkommission

Die Antwort der Ethikkommission ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Tage nach Einreichung der Beschwerde teilten sie mit, dass sie nicht verpflichtet seien, über den Fortschritt zu informieren. McGeehan beschreibt dies als eine Art „Daumen-hoch-Emoji-Antwort“. Dies zeige, dass der Mechanismus nicht bereit sei, führende Funktionäre zur Rechenschaft zu ziehen.

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Kampagne 'Reboot FIFA'

Am Mittwoch startete McGeehan die Kampagne 'Reboot FIFA'. Nach der WM soll eine von Fußballfans unterstützte Sammelbeschwerde gegen Infantino eingereicht werden. Infantino sagte bei der Überreichung des Friedenspreises an Trump: „Im Namen der gesamten globalen Fußballgemeinschaft verleihen wir Ihnen diesen Preis.“ Deshalb will McGeehan den Menschen die Möglichkeit geben, „Nein“ zu sagen.

Unterstützung aus Norwegen

Der norwegische Fußballverband und Präsidentin Lise Klaveness unterstützen die Beschwerde. McGeehan betont, dass die norwegische Reaktion offensichtlich der Forderung der Vereine und einem klaren Mandat folgte – etwas, das anderswo bisher nicht passiert sei. Man sei noch nicht auf andere Verbände zugegangen, aber das wäre sinnvoll; sie hätten bislang nicht die nötige Kritik erhalten.

Kritik am DFB-Präsidenten Neuendorf

DFB-Präsident Bernd Neuendorf sitzt im FIFA-Council und gehört zu denen, die einräumen, nicht konsultiert worden zu sein. McGeehan wirft ernste Fragen auf: Warum protestieren Sie nicht gegen die Preisvergabe oder die fehlende Konsultation? Und warum sitzen Sie in einem Gremium, das den FIFA-Präsidenten nicht ordnungsgemäß kontrolliert? Neuendorf hat wiederholt die Verleihung des Preises an Trump verteidigt und auf die Rolle der USA im Gaza-Krieg verwiesen. McGeehan kann diese Position nicht nachvollziehen und bezeichnet sie als „beschämend, skandalös – eine entsetzliche Aussage von jemandem in öffentlicher Verantwortung“. Er fordert eine Entschuldigung, anstatt zu unterstützen, dass diesem Mann Preise verliehen werden.

Wandel bei Neuendorf?

Neuendorf nahm als „Neuling“ bei der WM in Katar 2022 eine kritischere Haltung gegenüber Infantino ein. McGeehan erklärt, dass sich diese Leute schnell daran gewöhnen, wie sie bei der FIFA behandelt werden: wenig Verantwortung, aber hohe Vergütung dafür, im Wesentlichen die Entscheidungen des Präsidenten abzunicken. Die Organisation werde schlechter geführt und sei gefährlicher als je zuvor – auch deshalb werde Infantino nicht zur Rechenschaft gezogen. Es wäre auch Neuendorfs Aufgabe, das zu ändern. Er sei einer von vielen Funktionären, die das nicht tun, aber hohe FIFA-Gelder annehmen – ganz zu schweigen von den Ausgaben für ständige Reisen.

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Klima der Angst bei der FIFA

Klaveness spricht von einem „Klima der Angst“ bei der FIFA. McGeehan stimmt ihr zu und vermutet, dass niemand dem Präsidenten widersprechen will. Bei ärmeren Mitgliedsverbänden könne er das nachvollziehen, da sie von FIFA-Mitteln abhängig seien. Bei wohlhabenderen Verbänden wie Deutschland, England oder Frankreich frage er sich jedoch, ob eher die Sorge bestehe, bei Turniervergaben leer auszugehen. Die FIFA habe enormen Einfluss auf ihre Mitgliedsverbände und deren Führung. Wer sich öffentlich äußere, wisse, dass das Konsequenzen haben könne.

Infantinos Motive

Infantinos Anbiederung an Trump wird vielerorts kritisiert. McGeehan analysiert, dass Infantino Trump offensichtlich mag und sich generell zu autoritären Führern hingezogen fühlt. Eine nüchterne Analyse deute jedoch auf mehr hin. Weltmeisterschaften seien im Grunde ein „Betrug“: Die Gastgeber zahlen alles, die FIFA kassiert die Einnahmen. Um das durchzusetzen, müssten FIFA-Präsidenten den politischen Führern sehr nah sein – die wiederum wüssten vermutlich, dass das System so funktioniert. Wenn Trump sich an diesem „Deal“ beteilige, erwarte er Gegenleistungen. Das erkläre zu einem großen Teil die Nähe zu Infantino: Er wisse, dass dieser Anerkennung, Lob und Bestätigung brauche. Es gehe teilweise um Persönlichkeit, aber vor allem um Geld.

Politischer Widerspruch der FIFA

Die FIFA-Statuten besagen, dass die FIFA und ihr Präsident politisch neutral sein müssen. Gleichzeitig tritt Infantino im Weißen Haus oder bei Trumps sogenanntem „Board of Peace“ auf. McGeehan sieht darin den faszinierenden Widerspruch der FIFA: Sie sagt, Fußball vereine die Welt und sei unpolitisch – sei aber heute stärker politisiert als je zuvor. Das liege an einem korrupten und dysfunktionalen Governance-System. Autoritäre Führer wie Trump oder der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sehen die FIFA als Instrument, um ihre Ziele zu unterstützen und ihre politischen Narrative zu inszenieren – etwa für „Make America Great Again“. Die FIFA liefere dafür die Bühne und poliere das Image. Sie sei deshalb zutiefst politisch. Wenn Friedenspreise an Donald Trump vergeben werden, gebe es kaum Grenzen dessen, was für andere autoritäre Akteure möglich ist. Das müsse enden.

Risiken für die WM

McGeehan sieht offensichtliche Risiken für Fans durch Einwanderungsregeln und mögliche ICE-Präsenz bei Spielen. Allgemein sei die Verbindung der FIFA-Marke mit dem MAGA-Projekt ein erhebliches Risiko – ein Spiel mit dem Ruf des Fußballs, das auch auf Infantino und die FIFA zurückfallen könne. Man könne sich sogar vorstellen, dass eine künftige US-Regierung, falls sie zur Rechtsstaatlichkeit zurückkehrt, untersuchen könnte, wer Donald Trump unterstützt hat. Die FIFA könnte dann dazugehören. 2015 habe bereits das US-Justizministerium die Karriere von Infantinos Vorgänger beendet. Ähnliches sei auch in Zukunft nicht ausgeschlossen.

Vorbereitung auf Trump als Gastgeber

Auf die Frage, worauf sich die Fußballwelt vorbereiten sollte, antwortet McGeehan: „Ich weiß es nicht. Wenn wir eines über Trump gelernt haben, dann, dass er unvorhersehbar ist und im eigenen Interesse handelt.“ Es werde zwar Leute geben, die wissen, dass eine schlecht verlaufende WM negative Folgen hätte, aber ob er darauf höre, sei fraglich. Dieses Turnier habe mehr Potenzial für Kontroversen als jede bisherige WM. Der Rat an Trump wäre wohl, sich nicht in den Mittelpunkt zu stellen – aber ob er das tue?

Auswege aus der FIFA-Misere

McGeehan sieht große öffentliche Wut über diese Misswirtschaft, aber das spiegele sich nicht in der Politik wider. Politiker nähmen den Sport nicht ernst. Sie verstünden nicht, wie wichtig er sei. Die große Herausforderung sei, Sportpolitik zu einem politischen Thema zu machen. Solange das nicht passiere, werde die FIFA so weitermachen.

Und Infantino? Er dürfte nächstes Jahr wiedergewählt werden. 2031 müsste laut Statuten eigentlich Schluss sein. McGeehan hält es für unwahrscheinlich, dass er geht. „Sie haben gezeigt, dass sie bereit sind, die Statuten zu verletzen, zu ändern und zu tun, was auch immer nötig ist, um das zu bekommen, was sie wollen. Das beste Beispiel war das Bewerbungsverfahren für die WM-Endrunden 2030 und 2034. Wenn Infantino bleiben will, wird er bleiben.“

Das Interview führte Jonas Wagner, sid.