Wenn am Donnerstagabend in Boston Marokko auf Frankreich trifft, ist dies keine gewöhnliche Begegnung zweier Nationalmannschaften. Die jahrzehntelange koloniale Unterdrückung durch Frankreich prägt bis heute die Beziehung der Länder und wirkt sich auch auf den Fußball aus.
Die Einführung des Fußballs in Marokko
Der Rasensport wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von französischen Soldaten und Siedlern in Marokko eingeführt. Das erste Spiel zwischen zwei Mannschaften von Kolonialisten fand 1913 statt, ein Jahr nach der offiziellen Einsetzung des französischen Protektorats. Drei Jahre später wurde die marokkanische Fußballliga gegründet, in deren Mannschaften ausschließlich Europäer spielen durften und die an den Französischen Fußballverband angegliedert war.
Der populäre Sport verbreitete sich auf den Straßen Marokkos rasch immer weiter. In den folgenden Jahren formten sich marokkanische Mannschaften mit Einheimischen. Diese wurden zunächst von den Franzosen belächelt. Und dennoch kam der Kolonialmacht schnell der Gedanke, das Land fußballerisch für eigene Zwecke zu nutzen.
„Da gibt es Männer, die uns nützlich sein können“
„Da gibt es Männer, die uns nützlich sein können. Unsere Kolonien besitzen entscheidende Qualitäten, die uns fehlen: die Liebe zum Sport und das Verlangen zu siegen“, schrieb J. Ducasse in „Le Ballon rond“ im Januar 1925. Die Franzosen erhofften sich einen größeren Talentepool, und so wurden in den 1920er Jahren viele Fußballspieler, vor allem aus Algerien, in die Liga-Teams integriert. Sie entwickelten sich dort zu Leistungsträgern.
„Damals war es üblich, dass die Marokkaner die Franzosen bedienen“, sagt der marokkanische Journalist Abderrahmane Ammar über die Transferpraktik. Ob auf wirtschaftlicher Ebene, in der Armee oder eben im Fußball: Marokko sei Dienstleister gewesen.
Doppelmoral bei Transfers
Auch heute herrsche eine Doppelmoral, was Fußballtransfers betrifft, kritisiert Ammar. „Wenn es um Migranten geht, haben Marokkaner Schwierigkeiten, in Europa anerkannt zu werden. Aber da, wo man von dir profitieren kann, wird alles gemacht, dass du im Land bleiben kannst.“
Sonderrechte für den Fußballstar
In den 1930er Jahren war der Fußball in Marokko endgültig nicht mehr aufzuhalten. Es entstand sogar eine Landesauswahl, die 1937 gegen die französische B-Nationalmannschaft antrat. Das Spiel wurde zu einer Lektion für die Franzosen. Die marokkanische Mannschaft gewann mit 4:1 und ein Spieler stach dabei besonders heraus: Larbi Ben Barek. Er wurde an diesem Tag nicht nur von den französischen Medien gefeiert, sondern auch von Talentscouts entdeckt. Olympique Marseille fackelte nicht lange und verpflichtete den Ausnahmespieler.
Ben Barek wurde zu einem echten Star und so bekundete auch der Nationaltrainer Interesse. Dafür musste koloniales Recht neu interpretiert werden. Denn juristisch gesehen war ein Marokkaner damals französischer Untertan und kein Bürger und konnte dementsprechend nicht nominiert werden. Henri Delaunay, damaliger Präsident des französischen Fußballverbandes, legte dennoch fest: „Die Eingeborenen tunesischer oder marokkanischer Herkunft werden als französisch betrachtet, was die Lizenzgebung und die Qualifikationsregeln angeht.“
Der Karriere im Nationalteam stand nun nichts mehr im Wege. Ben Barek lief als zweiter Schwarzer Spieler erstmals 1938 in blauem Dress auf, wurde zwölfmal nominiert und beendete seine Fußballlaufbahn in der Nationalelf erst 1954 mit einem Spiel gegen Deutschland.
Fußball als Exportschlager
Trotz des durchschlagenden Erfolgs erfuhr der marokkanische Star viel Rassismus. „Fußball erreicht Millionen Menschen. Rassisten nutzen diesen Raum, um Hass zu schüren und ihre Ideologie zu verbreiten“, meint Ammar. Auch bei dieser WM gab es rassistische Beleidigungen, wie die Beschimpfungen einer paraguayischen Senatorin gegen Kylian Mbappé.
Mittlerweile sind 30 Prozent der Spieler aus den Profikadern der französischen Liga-Vereine ausländischer Herkunft. Die Offenheit des globalen Fußballs bietet marokkanischstämmigen Fußballern Karrierechancen. Sowohl Ayyoub Bouaddi (OSC Lille) als auch Achraf Hakimi (Paris Saint Germain) spielen nicht nur für französische Spitzenvereine, sondern auch für die marokkanische Nationalmannschaft. Doch in Marokko finden das nicht alle gut. „Die gut ausgebildeten Spieler aus Europa verdrängen in Marokko spielende Fußballer aus der Nationalmannschaft“, so Ammar.
Teamkollegen werden zu Konkurrenten
Bei dem Duell am Donnerstag werden außerdem Teamkollegen zu Konkurrenten. Denn einige Spieler, die am Donnerstag gegeneinander antreten, laufen im Ligabetrieb für das gleiche Team auf. Sie wissen daher ganz genau um die Qualitäten und Schwächen des anderen. Neil El Aynaoui etwa spielt mit Manu Koné in Rom, Chadi Riad hat mit Maxence Lacroix und Jean-Philippe Mateta bei Crystal Palace dieses Jahr die Conference League gewonnen.
Marokko will den Spieß umdrehen
Die marokkanische Mannschaft hat daraus bislang keinen Profit schlagen können. Sie unterlag den Franzosen in den vergangenen Partien, zuletzt im Dezember 2022. Da schaffte Marokko es als erstes afrikanisches Land bis ins Halbfinale einer WM. „Sie haben uns das Leben extrem schwer gemacht, wir mussten in einigen Phasen richtig leiden“, fasste Didier Deschamps das Spiel im Nachhinein zusammen.
„Im kommenden Duell möchte sich Marokko für die 0:2-Niederlage rächen“, sagt Ammar. Ein Sieg gegen die ehemalige Kolonialmacht habe mehr Gewicht als gegen andere Nationen. „Wir möchten den Spieß umdrehen und stärker sein als die Franzosen.“



