Fifa-Präsident Infantino: Kritik an Geldmaschine und Trump-Nähe wächst
Infantino: Fifa als Geldmaschine und Trump-Nähe unter Beschuss

Gianni Infantino hat aus der Fifa eine Geldmaschine geformt. Der Weltfußballverband ist vermögender und mächtiger als je zuvor – und sein Präsident trotzt der globalen Kritik. Rund 13 Milliarden Dollar nimmt die Fifa allein in diesem WM-Zyklus von 2023 bis 2026 ein – gegenüber der WM 2022 ein Plus von rund 70 Prozent. Es sind Umsätze wie die eines Weltkonzerns.

Doch selten stand Infantino so in der Kritik wie dieser Tage, wenige Spiele vor dem Finale der größten Weltmeisterschaft der Geschichte. Erst setzte die Fifa nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump die Rotsperre für US-Stürmer Folarin Balogun aus. Dann reichte Ägyptens Verband nach dem umstrittenen Achtelfinal-Aus gegen Argentinien Beschwerde ein; der Nationaltrainer legte nahe, auf den Schiedsrichter sei Druck ausgeübt worden.

Das Haus des Geldes: Rekordeinnahmen und Dynamic Pricing

Nie zuvor kamen so viele Zuschauer zu einer Fußball-WM: Als die deutsche Nationalmannschaft am 25. Juni 2026 in New Jersey auf Ecuador traf, wurde einer Stadionbesucherin eine besondere Ehre zuteil – sie sei die 3.587.539ste Besucherin dieser WM. Die Stadien sind laut offiziellen Angaben zu 99,7 Prozent gefüllt.

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Das XXL-Format trägt Infantinos Handschrift. Die Aufstockung auf 48 Teams und 104 Spiele war eines seiner zentralen Wahlversprechen. Nun sprudeln die Einnahmen: Allein mit Tickets und VIP-Angeboten nimmt die Fifa mehr als drei Milliarden Dollar ein, die Medienrechte bringen weitere rund vier Milliarden. Möglich machen das auch Preise, wie sie der Fußball nie gesehen hat. Erstmals bei einer WM setzte die Fifa auf „Dynamic Pricing“, eine Preisgestaltung je nach Nachfrage. Auf der Fifa-eigenen Wiederverkaufsplattform zahlen Verkäufer wie Käufer jeweils 15 Prozent Gebühr.

„Fußball ist eine universelle Leidenschaft, aber die Fifa behandelt ihn wie einen privaten Luxus“, sagt Marco Scialdone, juristischer Leiter beim Verbraucherverband Euroconsumers. Die Fifa erklärte auf Nachfrage, ihr Modell entspreche „den gängigen Praktiken auf dem Ticketmarkt“ der Gastgeberländer; die Einnahmen würden in die weltweite Entwicklung des Fußballs reinvestiert.

Sport und Politik: Trumps Einfluss auf die WM

Donald Trump ist bei dieser Weltmeisterschaft so präsent wie kein Regierungschef je zuvor. Im Dezember bei der Gruppenauslosung im Kennedy Center in Washington verlieh die Fifa ihren ersten „Friedenspreis“ – an den Hausherrn. Infantino pries Trump: Er habe „auf unglaubliche Weise etwas erreicht“. Der Abend war der Höhepunkt einer Annäherung der beiden Männer.

„Er hat sich eine Immobilie in Florida zugelegt – nur, um in der Nähe von Mar-a-Lago zu sein. Er hat wahrscheinlich in den vergangenen anderthalb Jahren mehr Zeit mit Trump verbracht als einige von Trumps eigenen Kabinettsmitgliedern“, sagt Ashish Malhotra, Host des US-Fußballpodcasts „Soccernomics“. „Sie haben wirklich eine Beziehung zueinander aufgebaut. Die beiden teilen eine Vorliebe für Spektakel – und stellen wirtschaftlichen Gewinn in den Mittelpunkt.“

Das Anbandeln Infantinos mit Trump folgt einem wirtschaftlichen Kalkül: Seine Rekord-WM hängt am Wohlwollen der US-Regierung, die die Einreise der Fans, die Sicherheit und den reibungslosen Betrieb kontrolliert. Trump selbst demonstrierte diesen Hebel: Seine Regierung verhängte Einreiseverbote, die Fans aus mehreren Teilnehmerländern trafen. Auch drohte er, von Demokraten regierten Austragungsorten wie Boston die Spiele zu entziehen. Er würde dann „Gianni“ anrufen, sagte Trump – „und sie würden das tun“. Zugleich sorgte seine Regierung dafür, dass Ticketbesitzer bevorzugte Visa-Termine bekamen.

Die Menschenrechtsorganisation FairSquare reichte deshalb Beschwerde bei der Fifa-Ethikkommission ein: Der Präsident verstoße gegen die selbstauferlegte politische Neutralität. Inzwischen unterstützen 50 Mitglieder des Europäischen Parlaments die Beschwerde. Die Fifa müsse „unter Beweis stellen, dass sie die Grundwerte der Fairness, Gleichheit und Achtung der Menschenwürde hochhält“, heißt es.

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Der Fall Balogun: Rote Karte ausgesetzt nach Trump-Anruf

US-Stürmer Folarin Balogun hatte im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen – eigentlich folgt darauf automatisch eine Sperre im nächsten Spiel. Dann rief Trump bei Infantino an und bat um eine Überprüfung; beide bestätigten das Gespräch später. Einen Tag vor dem Achtelfinale setzte die Disziplinarkommission – das verbandsinterne Gremium, das über Sperren entscheidet – die Strafe „zur Bewährung“ aus. Der Stürmer durfte spielen.

„Der Fall Balogun passt genau in das Muster, das wir seit Jahrzehnten bei der Fifa beobachten“, sagt Alexandra Addison, Gründerin der Antikorruptionsorganisation Trace. „Die Organisation behauptet, sich für Transparenz einzusetzen, und lässt dann doch solche Absprachen hinter den Kulissen zu.“

Infantino erklärte auf Handelsblatt-Anfrage, die Rechtsorgane der Fifa seien unabhängig. Er habe dem Präsidenten erläutert, dass ein laufendes Verfahren bei den zuständigen unabhängigen Gremien liege. Außerdem erhalte er regelmäßig Anrufe von Staatschefs, Regierungsvertretern und Konzernchefs aus aller Welt. „Manchmal überraschen mich die Entscheidungen. Manchmal stimme ich ihnen zu, manchmal nicht“, sagt Infantino. „Was ich aber immer tue: Ich respektiere diese Entscheidungen.“

Sportlich verpuffte der Eingriff: Die USA verloren mit 4:1 gegen Belgien und schieden aus. Die Empörung aber blieb. Die Uefa warf der Fifa vor, eine „rote Linie“ überschritten zu haben.

Vom Krisenmanager zur Machtfigur: Infantinos Weg an die Spitze

Dabei hatte Infantinos Präsidentschaft vor zehn Jahren mit hohen Erwartungen begonnen. Der Schweizer war angetreten, um einen Verband zu reparieren, den der größte Korruptionsskandal der Sportgeschichte erschüttert hatte: 2015 hatte das US-Justizministerium hochrangige Fifa-Funktionäre wegen Schmiergeldzahlungen angeklagt. Der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter kündigte kurz nach seiner Wiederwahl den Rückzug an und wurde später wegen einer Millionenzahlung an Uefa-Präsident Michel Platini gesperrt.

Doch Zweifel an Infantinos Amtsführung gab es früh. Kaum einen Monat im Amt, tauchte sein Name in den Panama Papers auf – seine Unterschrift fand sich unter einem TV-Vertrag mit einer Briefkastenfirma aus seiner Uefa-Zeit; das Verfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft wurde Ende 2017 eingestellt, Infantino bestritt jedes Fehlverhalten. Brisanter war, was danach bekannt wurde: Infantino soll sich mehrfach informell mit Bundesanwalt Michael Lauber getroffen haben, während dessen Behörde Verfahren rund um die Fifa führte – an eines der Treffen wollte sich hinterher keiner der Beteiligten erinnern. Sonderermittler prüften den Verdacht auf Verletzung des Amtsgeheimnisses. Lauber trat zurück, Infantino blieb an der Spitze. Im Jahr 2023 wurde auch dieses Verfahren eingestellt: Der Verdacht habe sich nicht erhärtet.

Alexandra Addison kennt die Kultur des Verbands aus eigener Erfahrung. Von 2011 bis 2013 saß sie im unabhängigen Governance-Komitee, das die Fifa nach den Korruptionsvorwürfen rund um die WM-Vergaben an Russland und Katar reformieren sollte. „Ich hörte dort routinemäßig Sätze wie: Diese Informationen behalten wir gern in der Fußballfamilie“, erinnert sie sich. „Das klang auffallend nach Mafia.“ 2013 verließ sie das Gremium aus Protest.

Heute ist es ausgerechnet Sepp Blatter, der die Integrität des Fußballs verteidigen will. „Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben. Sie werden durch Regeln, Beweise und unabhängige Gremien aufgehoben“, schrieb er auf X. Zudem behauptete er: „Der heutige Fifa-Präsident hat sich Donald Trump unterworfen.“

Der Preis der Macht: Rekordprämien und Patronage-Vorwürfe

Wenn sich am 19. Juli die beiden Finalisten des Turniers gegenüberstehen, geht es nicht nur um den sportlichen Triumph – sondern auch um Geld. Der Weltmeister erhält mit einer Siegprämie von 50 Millionen Dollar so viel wie nie zuvor. Insgesamt schüttet der Verband rund 871 Millionen Dollar an die 48 Teilnehmer aus. Jedes Team bekommt mindestens 12,5 Millionen Dollar. Für viele kleinere Verbände übersteigt allein das den Jahresetat.

Dabei ist die WM-Prämie nicht einmal die wichtigste Zahlung aus Zürich. Über das Entwicklungsprogramm „Fifa Forward“, das Infantino nach seinem Amtsantritt 2016 auflegte, kann jeder Verband im laufenden Zyklus bis zu acht Millionen Dollar abrufen. Geld, das in die Nachwuchsförderung oder den Bau von Fußballplätzen fließen soll. Die Organisation FairSquare sieht darin jedoch ein „wechselseitig abhängiges System der Patronage“: Die Gelder würden so verteilt, dass sie die politische Unterstützung der Verbände für den Präsidenten fördern.

Ob die Gelder ankommen, wo sie sollen, lässt sich von außen kaum prüfen. „Eine Diskussion über Rechenschaftspflicht muss mit der Prämisse beginnen, dass die Fifa daran interessiert ist“, sagt Addison. „Es gibt robuste Governance-Modelle, die man nutzen könnte, wenn die Fifa Transparenz wollte.“ Die Fifa weist das zurück: Alle 211 Verbände durchliefen jährlich eine zentrale Prüfung durch unabhängige Auditoren.

Dahinter steht jedoch eine Frage, die größer ist als das einzelne Programm: Wer kontrolliert die Fifa überhaupt? Ihre Milliardenumsätze erwirtschaftet sie im Gewand eines Vereins nach Schweizer Recht – keine Aktionäre, kein Aufsichtsrat, besteuert wie ein Verein.

Den großen Nationalverbänden missfällt zudem das Gefälle zwischen den WM-Zahlungen und den Ausschüttungen bei der neuen Klub-WM: Klub-Weltmeister Chelsea nahm im vergangenen Jahr rund 114,5 Millionen Dollar ein, mehr als das Doppelte der Weltmeister-Prämie. „Aus Sicht der großen Nationalverbände ist die Verteilung der Mittel durch die Fifa nicht in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Die Diskrepanz ist groß“, sagt DFB-Generalsekretär Holger Blask. Andererseits würden die WM-Einnahmen weltweit in den Verbandsfußball investiert: „Davon profitieren auch Länder und Verbände, die deutlich geringere Mittel haben.“

Genau darin dürfte ein Grund liegen, warum die Kritik an Infantino bislang folgenlos bleibt. Im Fifa-Kongress gilt das Prinzip „ein Land, eine Stimme“ – die kleinen Verbände wiegen dort genauso schwer wie Deutschland. Vorbehalte gegen die Nähe zu Trump kommen bislang vor allem aus Europa; in Südamerika, Asien und Afrika gibt es kaum Opposition. Die nächste Wahl steht 2027 an. Ein Herausforderer ist nicht in Sicht.

Infantino hat auf solche Vorwürfe eine offensive Antwort. „Ich habe Leute sagen hören: Dieses Geld geht nur an die Verbände, um Macht zu sichern“, sagte er bei der Eröffnungspressekonferenz der WM. „Nun, sagt mir: Wohin soll das Geld sonst gehen?“ Es werde geprüft und investiert, „um Kindern Hoffnungen und Träume zu geben“. Die Fifa baue hundert Akademien in Ländern, „in die sonst niemand einen Fuß setzt“. Und wer Demokratie akzeptiere, müsse auch das Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“ akzeptieren.

Am 19. Juli wird Infantino wieder auf der großen Bühne stehen. Wenn der neue Weltmeister im MetLife-Stadium gekürt wird, dürfte der Fifa-Präsident dem Kapitän den goldenen Pokal überreichen. Auch dieser Moment folgt einer Regel: Noch vor dem Verlassen des Stadions muss das Siegerteam die Trophäe zurückgeben. Das Original bleibt im Besitz der Fifa, mit nach Hause nimmt der Weltmeister eine vergoldete Kopie.