Gianni Infantino, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, gibt sich gerne als Reformer und Menschenrechtler. Doch ein genauer Blick auf seine Amtszeit zeigt, dass diese Selbstdarstellung den Realitäten nicht standhält. Von Martin Einsiedler.
Ein Präsident der Gegensätze
„Ihm geht es nicht um Glanz und Macht, sondern einzig um den Fußball.“ Und: „Ich nehme ihn nicht als Karrieremenschen wahr, der für seinen Erfolg über Leichen gehen würde.“ Diese Sätze stammen von Infantinos Jugendfreund Rinaldo Arnold und seiner Schwester Daniela – und sind zehn Jahre alt. Für viele Fußballfans klingen sie heute wie Hohn, denn Infantino gilt in weiten Kreisen als der Mann, der den Fußball verkauft und verraten hat.
Die jüngste Eskalation seiner Fifa-Regentschaft sind Pläne, die WM-Rechte an dubiose Geschäftsleute mit direkten Verbindungen zur Familie von US-Präsident Donald Trump zu veräußern. Ganz neu sind derlei Vorhaben nicht: Bereits im November 2018 wollte Infantino einen Investoren-Deal für die Vermarktungsrechte an der Klub-WM und einer globalen Nations League durchdrücken – damals scheiterte er noch. Die Empörung ist groß, doch sie war es schon oft seit seiner Wahl 2016.
Vom demütigen Arbeiter zum Machtmenschen
Als Infantino am 26. Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, machte er einen demütigen Eindruck. „Uff“, sagte er, sichtlich überwältigt. Der frühere Fifa-Reformer Mark Pieth erinnerte sich im Tagesspiegel-Interview: „Anfangs machte er glaubhaft den Eindruck, auf den Reformzug der skandalumwitterten Fifa aufspringen zu wollen.“
Ironischerweise stammt Infantino wie sein Vorgänger Sepp Blatter aus dem Schweizer Wallis – die Geburtsorte liegen nur zehn Kilometer auseinander. Doch Infantino kämpfte sich ohne Blatters Hilfe an die Spitze. Die Prinzipien des Machterhalts hat er von Blatter gelernt und perfektioniert.
Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörten die Aufstockung der WM-Teilnehmer von 32 auf 48 Mannschaften und die Verdopplung der Entwicklungshilfezahlungen an die Mitgliedsverbände. Dabei weiß Infantino: Jeder Verband hat eine Stimme bei der Präsidentenwahl – die Stimme aus Deutschland wiegt genauso viel wie die aus Curaçao. Dadurch hat er im Verband nichts zu befürchten.
Zurückdrehen der Reformen
Bereits ein Jahr nach seiner Wahl ließ Infantino die Fifa-Kontrolleure Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert entlassen. Beide waren eingesetzt worden, um interne Missstände zu untersuchen. Borbély ermittelte sogar gegen Infantino persönlich wegen dessen Privatjet-Reisen. Infantino ersetzte die unbequemen Kontrolleure durch Verbündete – seither hat er nichts mehr zu befürchten.
Dann legte er los: Er sympathisierte mit allen, die ihm Macht und Geld versprachen: Russlands Präsident Wladimir Putin verlieh ihm den Orden der Freundschaft. Auf Kritik an seinen Verbindungen zu Autokraten antwortete Infantino: „Nicht alles, was aus dem Osten kommt – aus Russland oder der arabischen Welt – sollte mit dunkler Farbe übermalt werden.“ Sein Appell richtete sich vor allem an die „westlichen Medien“.
Groteske Auftritte und Menschenrechte
Vor der WM 2022 in Katar sorgte Infantino für einen Eklat: „Heute fühle ich mich … schwul, behindert, arabisch, afrikanisch, als Gastarbeiter …“, sagte er bei einer Pressekonferenz. Er rechtfertigte sich mit Mobbingerfahrungen in der Schule wegen seiner roten Haare. Die Anmaßung gegenüber diskriminierten Gruppen war enorm.
Schwerer wiegt jedoch sein unermüdliches Streben nach Geldquellen. Die Menschenrechte, die Infantino in Reden stets betont, spielen bei der WM-Vergabe keine Rolle. Nach Katar bekam Saudi-Arabien im Dezember 2024 die WM 2034 – ein Land, das Amnesty International als repressiver als Katar einstuft und aus dem der Hauptsponsor Saudi Aramco stammt.
Mit der Klub-WM 2025 schuf Infantino ein monströses Turnier, das vor allem die Taschen der großen Klubs und der Fifa füllen soll – Hauptsponsor ist wiederum Aramco.
Höhepunkt der Selbstinszenierung
Vorläufiger Höhepunkt aus Infantinos Sicht war die jüngste WM mit 48 Mannschaften, trotz Kritik, nachdem US-Präsident Donald Trump per Anruf die Spielerlaubnis für den gesperrten Stürmer Folarin Balogun erwirkt haben soll. Infantinos Fazit: „Ich glaube, wir müssen neues Vokabular erfinden, neue Wörter, um den Erfolg dieser Weltmeisterschaft zu beschreiben.“
Sein größter Jugendtraum war, Profifußballer zu werden – es fehlte das Talent. Heute scheint es, als nähme er späte Rache an dem Spiel, das er einst so liebte.



