Lambsdorff: Schleichende Re-Stalinisierung in Russland
Lambsdorff: Schleichende Re-Stalinisierung in Russland

Der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, hat seine Amtszeit als eine Phase der zunehmenden Entfremdung zwischen Russland und dem Westen beschrieben. In einem Interview mit dem SPIEGEL sprach er von einer „schleichenden Re-Stalinisierung“ des Landes und warnte vor den Folgen der Kreml-Propaganda für die russische Gesellschaft.

Beobachtet, einbestellt, ignoriert

Drei Jahre lang vertrat Lambsdorff die Bundesrepublik in Moskau, eine Zeit, die von ständiger Überwachung, diplomatischen Spannungen und wachsender Ignoranz seitens der russischen Regierung geprägt war. „Es ist fürchterlich, eine schleichende Re-Stalinisierung zu beobachten“, sagte der Diplomat. „Die Russinnen und Russen leben zunehmend in einer Realität, die allein der Kreml für sie schafft.“

Die Bilanz eines Diplomaten

Lambsdorff zog eine ernüchternde Bilanz: Der russische Staat habe sich in den letzten Jahren immer weiter von demokratischen Prinzipien entfernt. Die Opposition werde unterdrückt, unabhängige Medien seien nahezu zum Erliegen gekommen. Die Gesellschaft sei einer Flut von Propaganda ausgesetzt, die jede kritische Auseinandersetzung mit der Realität unmöglich mache. „Die Menschen werden systematisch von der Wahrheit abgeschnitten“, so Lambsdorff.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Der Diplomat berichtete von zahlreichen Vorfällen, bei denen er selbst zum Ziel russischer Desinformationskampagnen wurde. „Man versucht, einen zu diskreditieren, einzuschüchtern oder schlicht zu ignorieren“, erklärte er. Trotz allem habe er versucht, den Dialog aufrechtzuerhalten, doch die russische Seite sei kaum an echten Gesprächen interessiert gewesen.

Die Rolle der deutschen Außenpolitik

Lambsdorff kritisierte auch die deutsche Außenpolitik der vergangenen Jahre. Man habe zu lange auf eine Annäherung gesetzt, die von russischer Seite nie ernsthaft gewollt gewesen sei. „Wir haben uns in einer Art Wunschdenken verloren“, sagte er. Die Abhängigkeit von russischem Gas und die wirtschaftlichen Verflechtungen hätten Deutschland in eine fatale Abhängigkeit getrieben.

Der ehemalige Botschafter forderte eine realistischere Russlandpolitik, die auf Stärke und Geschlossenheit der EU setze. „Wir müssen uns eingestehen, dass Russland unter Putin kein Partner mehr ist, sondern ein Rivale, der unsere Werte aktiv bekämpft“, so Lambsdorff.

Ausblick auf die Zukunft

Trotz der düsteren Analyse gab es auch hoffnungsvolle Töne. Lambsdorff betonte die Bedeutung der Zivilgesellschaft in Russland, die trotz aller Repressionen weiter existiere. „Die Menschen dort geben nicht auf, und wir sollten sie nicht im Stich lassen“, sagte er. Eine langfristige Perspektive müsse darauf abzielen, den Austausch mit unabhängigen Kräften in Russland zu fördern.

Lambsdorffs Abschied fällt in eine Zeit, in der die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen auf einem historischen Tiefpunkt stehen. Der Ukraine-Krieg und die darauf folgenden Sanktionen haben die Gräben weiter vertieft. Ob sich die Lage in absehbarer Zeit bessern wird, bezweifelte der Diplomat: „Ich sehe leider keine Anzeichen für eine Annäherung. Der Kreml hat sich zu sehr in seiner eigenen Propaganda verstrickt.“

Ein persönliches Fazit

Auf die Frage, was er aus seiner Zeit in Moskau mitnehme, antwortete Lambsdorff: „Die Erfahrung, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit sind. Und die Erkenntnis, dass wir uns niemals an autoritäre Systeme gewöhnen dürfen.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration