Der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan im Sommer 2021 gilt als eines der größten Desaster der NATO-Geschichte. Innerhalb weniger Tage überrannten die Taliban das Land, die afghanische Armee brach zusammen, und es kam zu chaotischen Evakuierungsaktionen. Die Bilder von Menschen, die an startenden US-Militärflugzeugen hingen, und von Familien, die verzweifelt versuchten, das Land zu verlassen, brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein.
Der überstürzte Abzug und seine Folgen
Die Entscheidung von US-Präsident Joe Biden, alle Truppen bis zum 31. August 2021 abzuziehen, setzte eine nie dagewesene Dynamik in Gang. Schon im Mai hatte der Abzug begonnen, doch die Geschwindigkeit des Taliban-Vormarsches überraschte alle. Am 15. August 2021 erreichten die Taliban Kabul, und die afghanische Regierung kapitulierte. Der Abzug wurde zur Flucht: Tausende von Afghanen, die für die NATO gearbeitet hatten, und andere Gefährdete strömten zum Flughafen.
Laut einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums wurden während der Evakuierungsmission „Allies Refuge“ rund 124.000 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen, darunter 6.000 US-Bürger. Dennoch blieben viele zurück. „Wir haben Menschen zurückgelassen, die uns vertraut haben – das ist eine Schande“, zitierte die „New York Times“ einen ungenannten US-Diplomaten.
Bilder, die die Welt nie vergisst
Die Medienberichterstattung konzentrierte sich auf die dramatischen Szenen am Flughafen von Kabul. Eines der ikonischsten Bilder zeigt ein US-Militärtransportflugzeug vom Typ C-17, das von Hunderten von Menschen umlagert wird, während es über die Startbahn rollt. Ein weiteres Foto zeigt einen afghanischen Vater, der sein Baby über die Mauer des Flughafens reicht, in der Hoffnung, es in Sicherheit zu bringen. „Diese Bilder sind ein Symbol für das Versagen des Westens in Afghanistan“, kommentierte der Sicherheitsexperte Hans-Joachim Giessmann in einem Interview mit dem ZDF.
Die humanitäre Katastrophe
Der Machtwechsel zur Taliban führte zu einer sofortigen humanitären Krise. Mehr als 3,5 Millionen Afghanen waren bereits vor dem Abzug Binnenvertriebene – nach dem Abzug stieg die Zahl weiter. Die Vereinten Nationen warnten vor einer Hungersnot: „Afghanistan steht am Abgrund“, erklärte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Martin Griffiths. Die Wirtschaft brach zusammen, und die internationale Gemeinschaft fror Hilfsgelder ein. Laut UNHCR flohen allein in den Monaten nach dem Abzug über 300.000 Menschen nach Pakistan und in den Iran.
Militärische Verluste und Kritik
Der Abzug forderte auch militärische Opfer: Bei einem Anschlag des Islamischen Staats (IS-K) am 26. August 2021 am Flughafen von Kabul starben 13 US-Soldaten und mehr als 170 Afghanen. Die Bundeswehr verlegte eigene Einheiten zur Evakuierung und flog insgesamt 5.347 Personen aus, wie aus einem Bericht des Verteidigungsministeriums hervorgeht. Der damalige Bundesverteidigungsminister Annegret Kramp-Karrenbauer räumte ein: „Die Lage war extrem herausfordernd, unsere Soldaten haben Großartiges geleistet, aber die politische Planung war unzureichend.“
Bewertung und Lehren
Der Abzug aus Afghanistan wird von Militärexperten und Politikern als schwerer strategischer Fehler gewertet. „Es war ein organisatorisches und moralisches Desaster“, sagte der ehemalige US-General David Petraeus in einem Interview. Die NATO habe es versäumt, die afghanischen Sicherheitskräfte nachhaltig zu stärken. Zudem zeigte sich, dass Geheimdienste den schnellen Kollaps der afghanischen Armee nicht vorhergesehen hatten. In Deutschland führte der Abzug zu einer Debatte über die Rolle der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen. Die Ereignisse von 2021 haben das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Westens nachhaltig erschüttert.



