Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Generalmajor Mychajlo Drapatyj (43), beauftragt, die Offensivhandlungen gegen Russland zu verstärken. Dies gab Drapatyj auf seiner Facebook-Seite bekannt. Er solle „die Offensivhandlungen in allen Bereichen fortsetzen und verstärken“, darunter neue Operationen gegen das russische Hinterland und einen technologischen Ausbau der Armee.
Hintergrund des Führungswechsels
Der Wechsel an der Spitze des Militärs erfolgte unter dem Druck tagelanger Proteste. Selenskyj entließ am Dienstagabend den bisherigen Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj (60). Auslöser war die Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow (35) in der Vorwoche. Fedorows weiteres Schicksal blieb unklar; Selenskyj kündigte eine „würdige Aufgabe“ in der Regierung an, die Fedorow jedoch Medienberichten zufolge ablehnt.
Generationswechsel im Militär
Drapatyj ist nach Walerij Saluschnyj und Olexander Syrskyj der dritte Oberkommandierende seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022. Mit 17 Jahren Altersunterschied zu Syrskyj symbolisiert er einen Generationswechsel. Er soll modernere Methoden der Kriegs- und Menschenführung anwenden. Zum neuen Generalstabschef wurde Ihor Skybjuk (49) ernannt, der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara (40) gehört ebenfalls zur jüngeren Offiziersgeneration. Die neue Führung setzt verstärkt auf asymmetrische Kriegsführung, technologische Vorteile bei Drohnen und Schonung der knappen Soldatenressourcen.
Drapatyjs militärische Laufbahn
Drapatyj ist seit 26 Jahren Soldat. Bereits 2014 erlangte er als Major Berühmtheit, als er mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte in Mariupol durchbrach und die Hafenstadt vorübergehend sichern konnte. 2022 eroberte Russland Mariupol jedoch. 2024 half Drapatyj als Kommandeur, den russischen Einmarsch im Gebiet Charkiw zu begrenzen. Später wurde er Befehlshaber der Bodentruppen, trat aber 2025 zurück, nachdem zwölf Soldaten durch eine russische Iskander-Rakete getötet worden waren. Er übernahm die Verantwortung für unzureichenden Schutz. Zuletzt befehligte er eine Armeegruppe zur Verteidigung des Gebiets Charkiw.
Das Portal „Kyiv Independent“ bezeichnete Drapatyj als „den obersten modernen, auf Menschen fokussierten Militärführer der Ukraine“. In einem Facebook-Eintrag unterstützte er Fedorow und forderte eine Armee-Reform: „Die Armee braucht Veränderungen, aber ohne Gerechtigkeit sind Veränderungen für die Menschen sinnlos, die diesen Krieg jeden Tag auf ihren Schultern tragen.“
Syrskyjs Abschied und Moskaus Reaktion
Der scheidende Armeechef Syrskyj sieht die Ukraine in der Offensive: „Ich übergebe meinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung hält, sondern sich auch im Offensivmodus befindet“, schrieb er auf Telegram. Unter seiner Führung seien erstmals Drohnenstreitkräfte gegründet und eine neue Flugabwehr aufgebaut worden. In Moskau erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, die Umbesetzung werde die militärische Lage nicht ändern, zeige aber Risse in der Kiewer Führung.
Selenskyj unter Druck
Innenpolitisch bleibt die Lage für Selenskyj schwierig. Er hatte die Führungskrise durch die Regierungsumbildung selbst verursacht und musste tagelang einen Ausweg suchen, begleitet von Protesten für Fedorow und gegen Syrskyj. Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko kommentierte: „Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass Innenpolitik die schwache Seite der Präsidentschaft von Wolodymyr Selenskyj ist. Und das ist ein ernsthaftes Problem für ihn, gerade wenn er Anspruch auf eine weitere Amtszeit erhebt.“
Nächtliche Angriffe
In der Nacht herrschte erneut Luftalarm in der Ost- und Zentralukraine, auch Kiew war betroffen. Russische Gebiete wie Orjol, Kaluga und Woronesch meldeten zeitweise Drohnen- oder Raketengefahr. Ukrainische Drohnen trafen erneut zwei Lager des russischen Online-Versandhändlers Wildberries; die Behörden berichteten von mindestens zwei Toten und 14 Verletzten.



