Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird am Montag den neuen britischen Premierminister Andy Burnham in London treffen. Es ist der erste internationale Besuch seit Burnhams Amtsantritt. Das Treffen soll auf einem Marinestützpunkt stattfinden, wie das Büro des Premierministers mitteilte. Im Mittelpunkt stehen von Großbritannien geleitete Ausbildungsprogramme zur Stärkung der ukrainischen Streitkräfte. „Großbritannien steht Seite an Seite mit der Ukraine, und unsere Unterstützung bleibt ungebrochen“, erklärte Burnham in einer Stellungnahme. „Russland sollte keinen Zweifel an unserer Entschlossenheit haben, und wir werden nicht nachgeben, bis wir einen dauerhaften und gerechten Frieden für die Ukraine erreicht haben.“
Schwere Angriffe auf beiden Seiten
Während der diplomatischen Aktivitäten gingen die Kampfhandlungen unvermindert weiter. In der russischen Stadt Belgorod nahe der ukrainischen Grenze wurden bei einem Drohnenangriff nach Behördenangaben zwölf Menschen verletzt, darunter zwei Kinder. Die regionalen Behörden teilten auf Telegram mit, dass mehrere Wohnungen in einem Wohnhaus und über 15 Autos in Brand geraten seien. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte den Bericht nicht unabhängig überprüfen.
Einen weiteren ukrainischen Drohnenangriff meldete die südrussische Stadt Rostow am Don. Nach Angaben von Gouverneur Juri Sljussar wurden zwei Menschen getötet und fünf weitere verletzt, zwei davon befänden sich in einem kritischen Zustand. Herabfallende Trümmer hätten an mehreren Orten Brände verursacht, darunter in Lagerhäusern.
Auf ukrainischer Seite gab es ebenfalls schwere Verluste. In der nordukrainischen Stadt Tschernihiw tötete ein russischer Angriff zwei Menschen, darunter ein zehnjähriges Kind, und verletzte drei weitere. Präsident Selenskyj verurteilte den Angriff auf Telegram: „Dies ist vorsätzlicher russischer Terror, der keine militärische Rechtfertigung hat.“ Ein russischer Drohnenangriff auf die Stadt Sumy forderte drei Tote und mindestens zwei Verletzte, wie die örtliche Militärverwaltung mitteilte. In Saporischschja starb bei einem russischen Angriff eine Frau, elf Menschen wurden verletzt, darunter drei Kinder.
Die russischen Streitkräfte griffen auch die Hauptstadt Kiew mit ballistischen Raketen an. Die ukrainische Luftwaffe bestätigte den Beschuss. Bürgermeister Vitali Klitschko meldete Brände in mindestens drei Bezirken, ausgelöst durch herabstürzende Trümmerteile. Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters hörten mehrfache Explosionen. Zuvor hatte Selenskyj vor neuen russischen Angriffen innerhalb von 48 Stunden gewarnt.
Internationale Reaktionen und Rüstungsdebatte
Lettland bestellte nach einem Angriff auf die ostukrainische Stadt Slowjansk, bei dem das lettische Honorarkonsulat beschädigt und zwei Mitarbeiter verletzt wurden, den russischen Geschäftsträger ein. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte an, ebenfalls den russischen Botschafter einzubestellen und neue Sanktionen gegen den militärisch-industriellen Komplex Russlands vorzuschlagen. „Russlands wahllose Angriffe auf Kiew und andere Regionen fordern zivile Opfer gezielt und nicht durch Zufall“, erklärte Kallas.
In Deutschland forderte der CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann ein offizielles Rüstungsabkommen mit Kiew. „Wir sind der Auffassung, es braucht eine Unterstützungsdividende von der Ukraine“, sagte Hoffmann der „Bild am Sonntag“. Deutschland werde die Hilfe fortsetzen, aber Kiew habe „wirklich herausragende Fähigkeiten entwickelt – im Bereich Drohnen, Drohnenabwehr und Marschflugkörper“. Hoffmann verlangt eine verbindliche Gegenleistung für die Bundeswehr: „Wir sagen: Deutschland muss an diesen Rüstungsinnovationen teilhaben, um seine eigene Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit zu stärken. Deswegen fordern wir ein zwischenstaatliches Abkommen mit Kiew.“
Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto bot dem entlassenen ukrainischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow einen Beraterposten an. Crosetto lobte Fedorow als innovativen Politiker und kündigte neue Waffenlieferungen für Kiew an. „Er war gerührt und hat verstanden, dass dies ein Zeichen meiner Wertschätzung und Freundschaft war“, sagte Crosetto. Fedorow war der vierte Verteidigungsminister der Ukraine seit Kriegsbeginn, der entlassen wurde, nach nur sechs Monaten im Amt.
Drohnenkrieg und wirtschaftliche Folgen
Die Ukraine setzte ihre Drohnenoffensive gegen russisches Hinterland fort. Präsident Selenskyj erklärte, die Armee habe eine Ölraffinerie in Tjumen und eine Fabrik in Kirow getroffen, die Komponenten für Geschosse herstelle, sowie einen Logistikstandort in Jekaterinburg. Der ukrainische Sicherheitsdienst meldete zudem Angriffe auf eine Lukoil-Ölplattform im Kaspischen Meer und auf zwei Frachtschiffe, die verdächtigt werden, an Militärtransporten zwischen Russland und dem Iran beteiligt zu sein.
Der russische Online-Versandhändler Wildberries evakuierte erneut Mitarbeiter, diesmal in Jekaterinburg. In den vergangenen Tagen waren mehrfach Wildberries-Standorte bei ukrainischen Drohnenangriffen getroffen worden. Russland reagierte auf die wiederholten Angriffe auf Raffinerien mit einer Verlängerung des Benzinexportverbots bis zum Jahresende, wie der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak mitteilte. Dieselausfuhren sollen wieder erlaubt werden, sobald sich der Markt erholt. In etlichen Gebieten Russlands ist die Abgabe von Benzin und Diesel an den Tankstellen rationiert.
Selenskyj kündigte zudem den Bau einer Drohnenfabrik in den USA mit ukrainischer Technologie an. In einem Interview mit der Bloggerin Laura Loomer sagte er: „Wir werden eine große Fabrik in den USA bauen.“ Ein mit den USA getroffenes Drohnen-Abkommen sei ein Gewinn für beide Seiten. Aus mit der Angelegenheit vertrauten Kreisen in Washington heißt es jedoch, die Einzelheiten würden noch ausgearbeitet.
Weitere Entwicklungen
Ein Frachter unter der Flagge von Guinea-Bissau, die „Golden Leo“, sank eine Woche nach einem russischen Angriff vor der Küste von Odessa. Laut Hafenbehörde erlitt das mit Mais beladene Schiff am 19. Juli schwere Schäden, neun Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, acht wurden gerettet. Das Schiff war auf dem Weg nach Rumänien.
Rumänien schoss erneut eine Drohne ab, die seinen Luftraum verletzt hatte. Ein F-16-Kampfjet zerstörte das unbemannte Fluggerät nordöstlich von Sulina, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Es war der dritte derartige Vorfall innerhalb von drei Tagen; die erste Drohne stammte aus Russland.
US-Präsident Donald Trump und Selenskyj werden sich am 28. Juli in Washington treffen, wie das Weiße Haus bestätigte. Details zu dem Treffen wurden zunächst nicht genannt.



