Washington – Die Trauerfeier für den verstorbenen US-Senator Lindsey Graham brachte am Dienstag zwei Kriegspräsidenten in die US-Hauptstadt: Wolodymyr Selenskyj aus der Ukraine und Benjamin Netanyahu aus Israel. Beide nutzten die Gelegenheit, um bei Donald Trump um Unterstützung für ihre jeweiligen Kriege zu werben. Während Netanyahu auf offene Ohren stieß, blieb Selenskyjs Werben eher zurückhaltend. Eine Analyse von Marc Pitzke, New York.
Selenskyjs Werben um Trump: Ein schwieriger Drahtseilakt
Der ukrainische Präsident betrat das Oval Office mit einer klaren Botschaft: Die Ukraine braucht weiterhin militärische Hilfe, um sich gegen Russland zu verteidigen. Nach dem Treffen bezeichnete Selenskyj die Unterredung als „ein gutes Meeting“, wie er vor der Tür des Weißen Hauses sagte. Doch hinter verschlossenen Türen soll Trump laut Teilnehmerkreisen keine konkreten Zusagen gemacht haben. „Trump hat Selenskyj keine neuen Waffenpakete zugesagt“, berichtete ein hochrangiger US-Beamter, der anonym bleiben wollte. „Er betonte, dass Europa mehr Verantwortung übernehmen müsse.“ Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 haben die USA laut Pentagon über 75 Milliarden US-Dollar an Militärhilfe an die Ukraine geliefert. Doch Trump, der im November 2024 wiedergewählt wurde, hat mehrfach signalisiert, dass er die Hilfen reduzieren will. Selenskyj hoffte, mit persönlichem Charme einen Umschwung zu bewirken.
Netanyahu dagegen kann auf Trumps Unterstützung zählen
Israels Premier Benjamin Netanyahu hatte es leichter. Er traf Trump am Abend zu einem privaten Dinner, das als sehr herzlich beschrieben wurde. „Trump hat Netanyahu vollste Unterstützung für den Kampf gegen die Hamas zugesichert“, bestätigte ein israelischer Diplomat gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die USA haben Israel seit dem 7. Oktober 2023 bereits über 20 Milliarden US-Dollar an Militärhilfe bereitgestellt. Trump selbst hatte noch als Präsident die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durchgesetzt. Nach dem Treffen erklärte Trump vor Reportern: „Israel ist ein wichtiger Verbündeter, und wir werden immer an seiner Seite stehen.“ Netanyahu bedankte sich überschwänglich und sprach von einer „tiefen Freundschaft“ zwischen beiden Ländern.
Das gemeinsame Ziel: Lindsey Grahams Vermächtnis
Der Anlass der Reise war die Trauerfeier für den republikanischen Senator Lindsey Graham, der im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit verstorben war. Graham galt als enger Vertrauter Trumps und als einer der wichtigsten Stimmen im Kongress in außenpolitischen Fragen. Er hatte sich stets für eine starke Unterstützung sowohl der Ukraine als auch Israels eingesetzt. „Lindsey war ein Fels in der Brandung“, sagte Trump während der Trauerrede. „Er wusste, dass Amerika seine Verbündeten nie im Stich lassen darf.“ Die Zeremonie in der National Cathedral zog zahlreiche hochrangige Politiker an, darunter auch Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Mike Pompeo.
Die unterschiedlichen Ergebnisse geben Rätsel auf
Die unterschiedliche Resonanz bei Trump sorgt in Washington für Diskussionen. Während Netanyahu einen klaren Durchbruch erzielte, steht Selenskyj weiterhin vor einer ungewissen Zukunft. „Trump spielt seine Rolle als mächtiger Unsicherheitsfaktor voll aus“, kommentierte der Politikanalyst John Bolton in einem Interview. „Er will den Ukraine-Krieg beenden – aber zu seinen Bedingungen, nicht zu denen Kiews.“ Selenskyj hingegen betonte nach dem Meeting: „Ich bin dankbar für die Gelegenheit, dem designierten Präsidenten die Lage vor Ort zu schildern. Wir werden weiterkämpfen, mit oder ohne amerikanische Hilfe.“ Der ukrainische Präsident hat in den vergangenen Monaten verstärkt auf Europa gesetzt, das bereits umfangreiche Zusagen gemacht hat. Die EU hat bislang rund 50 Milliarden Euro an Militärhilfe zugesagt.
Wie es weitergeht: Ungewisse Verhandlungen
Beobachter erwarten, dass Trump in den kommenden Wochen eine Entscheidung über das weitere Engagement in der Ukraine treffen wird. Ein mögliches Friedensabkommen unter Vermittlung des ehemaligen Außenministers Henry Kissinger wird derzeit diskutiert. Selenskyj hat sich jedoch skeptisch geäußert: „Ein Frieden um jeden Preis wäre ein Verrat an unserer Souveränität.“ Netanyahu hingegen bereitet bereits einen neuen Militäreinsatz im Gazastreifen vor, den Trump offenbar segnet. Die nächsten Tage werden zeigen, ob Selenskyjs Werben doch noch Früchte trägt – oder ob er den Zug nach Washington wie so viele vor ihm verpasst hat.



