Im Mai 1916 unternahm die deutsche Hochseeflotte einen Vorstoß in den Skagerrak, um Teile der britischen Royal Navy in eine Falle zu locken. Doch die Briten durchschauten das Spiel, und es kam zu einer der größten Seeschlachten der Geschichte. Der Nimbus der englischen Weltherrschaft wurde zwar erschüttert, aber das Kräfteverhältnis änderte sich nicht.
Die Hintergründe der Seeschlacht
Das Deutsche Reich hatte seit 1898 rund 3,5 Milliarden Goldmark in seine Flotte investiert, um den „Platz an der Sonne“ zu erkämpfen. Kaiser Wilhelm II. und die Öffentlichkeit stützten sich auf die Thesen des US-Marinestrategen Alfred Thayer Mahan, wonach Weltmacht ohne Seemacht unmöglich sei. Dies führte zu einer Rüstungskonkurrenz mit Großbritannien, der führenden Seemacht.
Der Erste Weltkrieg zeigte jedoch schnell, dass diese Investition eine Fehlentscheidung war. Der Flottenwettlauf hatte das deutsch-englische Verhältnis so sehr belastet, dass Großbritannien die Entente mit Frankreich und Russland einging. Zudem verweigerte die Royal Navy eine große Seeschlacht und errichtete stattdessen eine Fernblockade, die die Mittelmächte von kriegswichtigen Gütern abschnitt.
Die technologische Überlegenheit der Briten
Großbritannien führte 1906 mit der „Dreadnought“ einen neuen Typ von Großkampfschiffen ein, der allen Vorgängern überlegen war. Die Royal Navy verfügte über 40 dieser Einheitskaliber-Schiffe, die deutsche Hochseeflotte nur über 28. Zudem hatten die deutschen Schiffe nicht die Reichweite, um jenseits von Nord- und Ostsee zu operieren. Nach dem Untergang des deutschen Ostasiengeschwaders bei den Falkland-Inseln im Dezember 1914 war ein globaler Kreuzerkrieg nicht mehr möglich.
Während die Materialschlachten an Land die deutschen Ressourcen erschöpften, war die Flotte in ihren Häfen eingeschlossen. Vereinzelte Vorstöße, um britische Einheiten in einen Hinterhalt zu locken, scheiterten vor Helgoland und auf der Doggerbank, da die Briten durch die Entschlüsselung des deutschen Funkverkehrs in „Room 40“ gut informiert waren.
Der Verlauf der Schlacht
Am 31. Mai 1916 lief Vizeadmiral Reinhard Scheer mit dem Gros der Hochseeflotte von Wilhelmshaven aus. Sein Plan war einfach: Konteradmiral Franz Hipper sollte mit fünf Schlachtkreuzern nach Norden dampfen und Teile der feindlichen Flotte in ein Gefecht verwickeln, während Scheer mit 16 Schlachtschiffen die Falle schließen wollte. Doch die Briten waren bereits auf See: Die sechs Schlachtkreuzer unter David Beatty und die Grand Fleet unter John Jellicoe waren unterwegs.
Um 15.29 Uhr sichteten die Schlachtkreuzer einander im Skagerrak. Auf 13.000 Meter eröffneten sie das Feuer. Die Sicht war durch Dunst und Pulverdampf eingeschränkt, und die Funkgeräte fielen regelmäßig aus. Eine deutsche Salve traf die HMS „Indefatigable“, die explodierte. Nur zwei von 1019 Mann überlebten. Wenig später traf es die „Queen Mary“ und die „Invincible“. Admiral Beatty kommentierte: „Da scheint heute irgendwas mit unseren verdammten Schiffen nicht zu stimmen.“
Kurz vor 18 Uhr erreichte die Grand Fleet das Schlachtfeld. Jellicoe befahl seinen 24 Schlachtschiffen, eine Kiellinie zu bilden. Scheer dampfte im 90-Grad-Winkel auf die britische Linie zu, was als „Crossing the T“ eine ideale Position für die Briten war. Scheer erkannte seinen Fehler und befahl die „Gefechtskehrtwende“. Eine halbe Stunde später befahl er erneut eine Kehrtwende, was bis heute unklar ist. Um eine Niederlage zu vermeiden, schickte er Torpedoboote nach vorn und zog sich zurück.
Das Ende der Schlacht
Jellicoe setzte dem angeschlagenen Gegner nicht nach, da er Minen und U-Boote fürchtete. Die Schlacht war jedoch noch nicht zu Ende. Durch Kurswechsel liefen beide Flotten nach Süden, die Hochseeflotte westlich der Grand Fleet. Ein britischer Kapitän gab zu: „Wir hatten wirklich keine Ahnung, wo der Feind stand.“
Die Deutschen hatten Glück, dass sie auf dem Weg nach Wilhelmshaven nicht auf die Grand Fleet trafen. Beide Flotten erreichten sicher ihre Heimathäfen. Die Verluste waren hoch: Die Briten verloren drei Schlachtkreuzer, drei Panzerkreuzer und acht Zerstörer mit 115.025 BRT und 6094 Toten. Die Deutschen verloren einen Schlachtkreuzer, ein Schlachtschiff, vier Kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote mit 61.180 BRT und 2551 Toten.
Kaiser Wilhelm II. jubelte: „Der erste gewaltige Hammerschlag ist getan, der Nimbus der englischen Weltherrschaft herabgerissen.“ Doch die Ernüchterung folgte bald. Die Royal Navy blockierte weiterhin die deutschen Häfen. Scheer meldete dem Kaiser, dass selbst ein glücklicher Ausgang einer Seeschlacht England nicht zum Frieden zwingen könne, und empfahl den uneingeschränkten U-Boot-Krieg.
Die Folgen
Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg ab Februar 1917 führte zum Kriegseintritt der USA, der den Krieg im Westen entschied. Als die Admiralität die Ehre der Flotte in einem Himmelfahrtskommando retten wollte, meuterten die Matrosen. Die Novemberrevolution 1918 nahm ihren Lauf, und Wilhelm II. verlor seinen Thron.
Die Skagerrak-Schlacht markierte das Ende der Ära der mit Artillerie ausgestatteten Großkampfschiffe. Zeitzeuge Otto Klemperer urteilte: „Sie waren ein wahnsinniger Anachronismus.“ Schon im Zweiten Weltkrieg erwiesen sich Schlachtschiffe gegenüber Flugzeugen als chancenlos.



